Zum Inhalt springen

Was ADHS-Symptome im Erwachsenenalter mit unserer Kindheit zu tun haben können

  • von
ADHS-Symptome im Erwachsenenalter: Ein Blogartikel von Niritya & Tom, Heilpraktiker für Psychotherapie mit Praxis in Saarbrücken.

ADHS: dem Kind einen Namen geben

Begriffe wie ADHS, Autismus oder Neurodiversität sind gerade allgegenwärtig – in Podcasts, auf Social Media, in Psychologie-Magazinen, sogar im Telefonat mit Freunden. Und viele erwachsene Menschen stolpern irgendwann über die genannten Beschreibungen und Symptome und denken: „Moment. Das klingt schon irgendwie nach mir!

Konzentrationsprobleme, schnelle Reizüberflutung, starke emotionale Reaktionen oder dieses Gefühl, innerlich ständig unter Strom zu stehen – Dinge, die lange einfach nur wie persönliche Schwächen wirkten, bekommen plötzlich einen Namen.

Aktuell spielt gerade die Thematik ADHS im Erwachsenenalter auch in den Gesprächen in unserer Praxis wieder eine größere Rolle, so wie schon Anfang der 2010er Jahre. Viele Erwachsene merken augenscheinlich erst relativ spät, dass hinter ihrer inneren Unruhe, ihrem sprunghaften Denken oder ihrer Schwierigkeit, Dinge zu strukturieren, möglicherweise doch mehr steckt als fehlende Disziplin oder ein „schwacher Charakter“.

Dem Kind einen Namen geben zu können – hier am Beispiel ADHS, gleiches gilt aber z.B. auch für Autismus-Spektrum-Störungen – wirkt für viele Menschen erstmal entlastend.

Logisch: Wer erkennt, dass bestimmte Muster vielleicht nicht einfach mit mangelnder Selbstkontrolle zu tun haben, beginnt oft, mit einem wohlwollenderen Blick auf sich selbst zu schauen.

Was ist ADHS im Erwachsenenalter?

ADHS im Erwachsenenalter ist eine überdauernde neurobiologische Entwicklungsstörung, die auf der in der Kindheit beginnenden ADHS basiert.

Sie ist durch Kernsymptome wie Unaufmerksamkeit/Konzentrationsstörungen, innere Unruhe (statt ausgeprägter Hyperaktivität) und Impulsivität gekennzeichnet.

Betroffene erleben häufig Schwierigkeiten in Organisation, Planung und Regulation von Emotionen, was zu signifikanten Beeinträchtigungen in Beruf und Privatleben führt.

ADHS bei Erwachsenen: chaotisch, unkonzentriert, impulsiv, normal?

Besonders Menschen, die sich schon lange vor dem Erwachsenenalter als chaotisch, unkonzentriert oder impulsiv erlebt haben, finden sich im Begriff ADHS und der entsprechenden Symptomatik wieder – und bekommen damit vielleicht zum ersten Mal eine Erklärung für ihr eigenes Erleben.

Eine neurophysiologische Erkenntnis für das eigene Verhalten gefunden zu haben, macht vieles leichter.

Das ist und war ja auch ein Teil des Ziels der Neurodiversitätsbewegung:

Unterschiede in der Funktionsweise des menschlichen Gehirns – etwa bei ADHS, Autismus oder anderen Spektrumsmerkmalen – nicht ausschließlich als Defizite zu betrachten, sondern als natürliche Varianten der biologischen Entwicklung, die ebenso Verständnis, Akzeptanz und passende Lebensbedingungen verdienen, wie die sogenannten „normalen“ Nervensysteme.

Und mit diesen Erkenntnissen vor allem auch Stigmatisierungen aufzubrechen.

So weit, so gut, so wichtig.

Das ist die eine Seite dieser Medaille. Es gibt jedoch einen weiteren Punkt, der uns in unserer Praxis immer wieder begegnet, und der unserer Meinung nach in der aktuellen Entwicklung gerade viel zu wenig betrachtet wird:

Kein Nervensystem nämlich entwickelt sich im luftleeren Raum. Kinder – und damit auch ihre Nervensysteme – wachsen in einer konkreten Umgebung auf: in Familien, Schulen, Beziehungen, unter Erwartungen und manchmal auch unter anhaltendem Stress.

Wichtig ist uns: Es geht hier nicht darum, Störungsbilder, etwa aus dem ADHS-Spektrum, kleinzureden oder zu negieren. Wir glauben sehr wohl, dass es diese Störungsbilder tatsächlich gibt.

Ein genauerer Blick kann lohnend sein.

Manche der im Erwachsenenalter erkennbaren, belastenden Muster entstehen aber nicht nur durch neurologische Unterschiede, sondern auch durch die Erfahrungen, auf die ein junges Nervensystem im Laufe seiner Entwicklung zu reagieren lernt.

Verhaltensweisen, die später wie typische ADHS-Symptome wirken, können sich je nach familiärem und sozialem Umfeld in der Entwicklung eines Kindes über Jahre hinweg herausbilden.

Manchmal passiert das sehr unterschwellig, vor allem für die Betroffenen ist es oft kaum bemerkbar. Auf jeden Fall sind es aber Strategien des Kindes und Jugendlichen, mit seiner ganz spezifischen Umgebung zurechtzukommen.

Ein Fallbeispiel (nicht nur) für ADHS aus unserer Praxis

Anna (Name, Alter und Lebensumstände geändert) war Ende 20, verpartnert und arbeitete als Arthelferin in einer Allgemeinarztpraxis, als sie zum ersten Mal in unserer Praxis erschien.

Wenn sie über das sprach, was in ihrem Kopf passierte, beschrieb sie das mit einem Bild: „Manchmal fühlt es sich an, als würden mehrere Radiosender gleichzeitig laufen. Und irgendwo pfeift ein Affe dann noch zusätzlich die Melodie von Macarena dazu.“ Humor hatte sie, trotz allem.

Anna schilderte, dass ihre Gedanken gefühlt extrem schnell von einem Thema zum nächsten sprangen und dass ständig neue Ideen auftauchten.

Im Alltag – und besonders belastend empfand sie es im Job – merkte sie das besonders bei organisatorischen Abläufen: Termine verschwanden manchmal „wie von Zauberhand“ aus dem Kalender, an und für sich wichtige Aufgaben blieben halbfertig liegen. Und dadurch hatte sie das Gefühl, dass sie schnell den Überblick verlor. Sie verurteilte sich dafür, so zu sein.

Das alles machte sie natürlich oft traurig und strengte sie sehr an. Sie war total erschöpft. Und – logisch: Ihre Chefin meckert über ihre „mangelnde Arbeitsmoral“ und ihre „Unverantwortlichkeit„.

Gleichzeitig konnte sie privat stundenlang in Projekten versinken, die sie wirklich interessierten. Wenn etwas ihre Aufmerksamkeit fesselte, arbeitete sie mit einer beeindruckenden Konzentration. Bestes Beispiel: ihr Faible fürs Stricken. Aber auch das funktionierte eben nicht immer.

Lange hielt sie sich einfach für „ziemlich chaotisch“. Als sie irgendwann einen Artikel über „ADHS im Erwachsenenalter“ las, erkannte sie viele der dort beschriebenen Symptome wieder: die schnelle Ablenkbarkeit, die impulsive Art zu denken, aber auch die möglichen Momente eines intensiven Konzentriertseins.

Anna war unsicher, wie sie mit dieser Erkenntnis umgehen sollte und entschied sich schlussendlich dafür, bei uns anzurufen und einen Termin zu vereinbaren.

Ihre Idee dahinter war zunächst erstmal gar nicht, eine ADHS-Diagnose bestätigt zu bekommen: Ihr ging es vor allem darum, klarzukriegen, warum sich ihr Berufsalltag für sie oft so unglaublich anstrengend und unbefriedigend anfühlte.

In unseren Gesprächen haben wir dann gemeinsam auf ihre aktuellen Erwachsenen-Erfahrungen, ihr Leben und ihren Job geschaut, mit Innerer-Kind-Arbeit aber eben auch auf ihre Biografie.

Dabei tauchten peu à peu ein paar schon lange beiseite gelegte Erinnerungen aus ihrer Kindheit auf: die lange Jahre angespannte Atmosphäre zuhause, die häufigen Konflikte zwischen ihren Eltern, und das Gefühl, dass sie als das Kind besonders aufpassen und „das Ganze irgendwie regeln“ musste, damit das Familiensystem nicht auseinanderflog.

Vielleicht war es in ihrem Fall also nicht nur ADHS. Vielleicht war es bei Anna eine Mischung aus beidem: einer möglichen neurologischen, vielleicht ererbten ADHS-Veranlagung und andererseits ihrem ganz spezifisch geprägten Nervensystem, das in der Kindheit gelernt hat, besonders wachsam zu sein.

In der Psychiatrie gibt es dafür einen tollen Begriff: Die Symptomatik könnte in Annas Fall multifaktoriell bedingt sein, das heißt, es könnte  verschiedene Ursachen für das geben, was sie erlebt.

Als Mitverursacher einer ADHS-Symptomatik werden in der Fachwelt dabei schon länger diskutiert:

  • die spezifische genetische Veranlagung
  • neurobiologische Prozesse
  • Umweltbedingungen
  • die jeweilige Entwicklung / Kindheit / Familie
  • weitere psychosoziale Faktoren

Für Anna entstand mit der Zeit ein klareres Bild von sich selbst. Sie hatte eine viel bessere Vorstellung davon, welche Bedürfnisse sie hatte und was ihr gut tat – und was nicht. Und sie fing an, ihre innere Unruhe früher wahrzunehmen und bekam schneller mit, in welchen Situationen ihr Nervensystem besonders stark reagierte, und wo es mal ausruhen konnte.

Einige Monate nach dem Ende unserer Treffen meldete sich Anna nochmal bei uns: Sie hatte ihren Job gewechselt – ihr neues Arbeitsumfeld empfand sie als viel passender und entspannter.

Ein ADHS-Hype?

Dass gerade ein regelrechter Hype um die Thematik ADHS, Autismus und Neurodivergenz existiert, lockt natürlich auch „Wunderheiler“ auf die Matte, die sich mit ihrem Marketing-Sprech oft an der Grenze zu unerlaubten Heilsversprechen bewegen.

Dabei ist – wie bei unserem Beispiel mit Anna – wichtig: Eine Therapie ist nie ein schneller Lösungsweg. Veränderungen entstehen auch hier meist schrittweise. Durch Erfahrungen im Gespräch, durch ein wachsendes Verständnis für die eigene Geschichte und durch Ausprobieren neuer Verhaltensweisen.

So entwickelt sich die Möglichkeit, dass alte Muster überschrieben werden können.

ADHS-Symptome aus einer anderen Perspektive: Wie sich das Nervensystem in der Kindheit entwickelt

Jeder von uns weiß: Wenn ein Kind geboren wird, ist sein Gehirn noch lange nicht fertig entwickelt. Viele Verbindungen zwischen Nervenzellen entstehen erst in den ersten Lebensjahren.

In dieser Zeit prägen Erfahrungen aus der Umgebung ganz direkt, wie das Nervensystem arbeitet – also zum Beispiel, wie Aufmerksamkeit funktioniert, wie schnell Stressreaktionen ausgelöst werden oder wie leicht sich jemand später konzentrieren kann.

Kinder lernen dabei nicht nur zu laufen, zu sprechen oder soziale Regeln. Ihr Gehirn lernt auch, wie die Welt ungefähr „funktioniert“. Ist sie eher ruhig und berechenbar? Oder eher unruhig, laut oder angespannt, vielleicht sogar gefährlich?

  • Wächst ein Kind in einer stabilen Umgebung auf, in der es sich sicher fühlt und verlässliche Bezugspersonen hat, kann sich seine Fähigkeit zur Selbstregulation Schritt für Schritt entwickeln. Es lernt, mit Stress umzugehen, Gefühle zu sortieren und seine Aufmerksamkeit zu steuern.
  • Ist die Umgebung dagegen häufig von Konflikten, Unsicherheit oder hoher Anspannung geprägt, reagiert das Nervensystem anders. Es stellt sich stärker auf Wachsamkeit ein.

Viele Kinder entwickeln dann ein sehr feines Gespür für Stimmungen, Stimmen oder kleine Veränderungen in ihrer Umgebung. Das ist kein Defekt. Es ist eine oft überlebenswichtige Anpassung. Eigentlich ist es sogar eine richtiggehende „Superkraft“: Kinder sind erstaunlich gut darin, sich auf ihre Umwelt einzustellen.

Ein Kind, das häufig Kritik erlebt, achtet vielleicht besonders genau darauf, Fehler zu vermeiden. Ein anderes, das wenig Orientierung erlebt, versucht selbst Struktur herzustellen – oder wird unruhig, wenn sie fehlt. Und ein Kind, das viel Spannung im Umfeld wahrnimmt, beobachtet möglicherweise sehr genau, wie sich Stimmungen im Raum verändern.

Solche Strategien helfen zunächst einmal, mit der Situation zurechtzukommen. Gleichzeitig prägen sie uns, wie unser Nervensystem auf Reize reagiert.

Manchmal zeigen sich diese frühen Anpassungen später dann auch noch im Erwachsenenalter, und zwar in Mustern, die stark an ADHS erinnern: schnelle Ablenkbarkeit, innere Unruhe oder das Gefühl, dass ständig mehrere Gedanken gleichzeitig im Kopf unterwegs sind.

Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass solche Erfahrungen ausschließlich durch ADHS entstehen. Ein Teil kann durchaus biologisch oder genetisch bedingt sein.

Aber gleichzeitig berichten viele Menschen rückblickend, dass ihr Nervensystem schon früh lernen musste, besonders aufmerksam auf ihre Umgebung zu reagieren.

Warum ADHS heute so ein großes Thema ist

Dass ADHS im Moment überall auftaucht, hat wahrscheinlich auch etwas mit den Bedingungen zu tun, unter denen wir heute leben und arbeiten.

Unsere Umgebung stellt ziemlich hohe Anforderungen an Aufmerksamkeit und Selbstorganisation, schon Kinder sollen lange still sitzen, sich konzentrieren, Anweisungen folgen und dabei am besten noch mehrere Dinge gleichzeitig im Blick behalten.

Aber mal ehrlich: Selbst viele Kinder ohne ADHS-Diagnose tun sich damit schwer. Weil es einfach für die meisten Menschen in dieser gesellschaftlich erwünschten Form kaum – oder eben nur mit hoher Anstrengung – realisierbar ist.

Im Erwachsenenleben hört das nicht auf. Ständige Erreichbarkeit, eine Flut an Informationen, Großraumbüros, digitale Ablenkung – vieles in unserem Alltag fordert Aufmerksamkeit permanent ein. Pausen? Ruhe? Regeneration? Oft Fehlanzeige.

Unter solchen Bedingungen geraten viele Nervensysteme irgendwann an ihre Grenzen. Auch die, die man früher einfach als „normal“ bezeichnet hätte.

Unsere zum Beispiel. 😉

Was dann wie ein persönliches Problem aussieht – Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, schnelle Reizüberflutung, Erschöpfung – wird heute schnell als ADHS interpretiert. Manchmal steckt auch tatsächlich ADHS dahinter.

Manchmal zeigt sich darin aber eben, dass unsere Umwelt für menschliche Aufmerksamkeit in vielen Bereichen einfach viel zu intensiv geworden ist.

ADHS zwischen Veranlagung und Erfahrung

Dass heute mehr über ADHS gesprochen wird, hat wie oben bereits erwähnt, gleichzeitig auch eine gute Seite. Viele Menschen finden dadurch erstmals eine Erklärung für Erfahrungen, die sie schon lange, lange, lange begleiten.

Eine Diagnose kann dann entlastend sein und den Druck rausnehmen. Sie hilft zu verstehen, warum bestimmte Dinge im Alltag schwerfallen, während andere überraschend leicht gehen.

Trotzdem erzählt so eine Diagnose ja nie die ganze Geschichte eines Menschen.

Zwei Menschen können zum Beispiel dieselbe ADHS-Diagnose bekommen und sich doch aus ganz unterschiedlichen Gründen sehr ähnlich fühlen. Beim einen spielt vielleicht vor allem eine neurologische Veranlagung eine Rolle. Beim anderen haben Erfahrungen im Laufe der Entwicklung viel stärker geprägt, wie sein Nervensystem auf Reize reagiert.

Wahrscheinlich liegt die Realität wie so oft irgendwo dazwischen: Nicht alles ist angeboren. Und nicht alles entsteht durch Erfahrungen. Diese Sichtweise wird auch von Studien gestützt (s.u.: „Forschung zum Thema ADHS und Entwicklung“).

ADHS und Therapie | Wie gehen wir als Heilpraktiker für Psychotherapie mit einer ADHS-Symptomatik beim Erwachsenen um?

Aus unserer jahrelangen psychotherapeutischen Praxiserfahrung zeigt sich immer wieder, dass menschliche Muster tatsächlich selten nur die eine Ursache haben.

Klar: ADHS-Symptomatiken hängen fraglos ziemlich häufig mit einer neurologischen Veranlagung zusammen.

Gleichzeitig bringt jeder Klient aber auch seine eigene Lebensgeschichte mit – seine Erfahrungen in der Kindheit, manchmal seine erlittenen Traumata – aber auch seine oft schon früh entwickelten Strategien im Umgang mit Stress und damit die Art, wie sein Nervensystem auf bestimmte Situationen zu reagieren gelernt hat.

Häufig ist es gerade dieses ganz individuelle Zusammenspiel, das das Leben im Erwachsenenalter prägt. In unserer therapeutischen Arbeit geht es deshalb auch viel weniger darum, eine einfache Erklärung zu finden, sondern mehr darum, in unseren Gesprächen gemeinsam ein differenzierteres Verständnis für die eigene Geschichte und die eigenen Muster zu entwickeln.

Dabei schauen wir in der Therapie nicht nur auf Symptome oder Diagnosen, sondern auch darauf, wie jemand gelernt hat, mit seiner Umwelt umzugehen. Welche Strategien haben einmal geholfen, waren nützlich? Welche sind vielleicht heute noch wertvoll – und welche sind eher anstrengend geworden?

Aus dieser Perspektive, für die etwa die Gestalttherapie nach Fritz Perls den passenden Rahmen bietet, entsteht bei manchen unserer Klient:innen schon so etwas wie Entlastung. Viele Menschen merken, dass ihr Verhalten nicht einfach ein persönliches Versagen ist, sondern Teil einer Entwicklungsgeschichte, die viele Aspekte umfasst.

Wenn diese Zusammenhänge klarer werden, entsteht oft auch mehr Spielraum: in der Therapie neue Wege auszuprobieren, freundlicher und wohlwollender mit sich selbst umzugehen, und im Alltag Strukturen zu finden, die besser zum eigenen Nervensystem passen.

Herzlich

Niritya und Tom


Wichtig:

Die in diesem Blogartikel beschriebenen Inhalte dienen der allgemeinen Information über ADHS-Symptome im Erwachsenenalter. Sie ersetzen keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei Verdacht auf ADHS empfehlen wir, zunächst eine ärztliche Abklärung – auch möglicher körperlicher Ursachen – vornehmen zu lassen.


Über die Autoren dieses Artikels:

Thomas „Tom“ Wilhelm und Niritya Speicher-Wilhelm, beide Heilpraktiker für Psychotherapie in eigener Praxis in Saarbrücken und Mitglied im Verband freier Psychotherapeuten, Heilpraktiker für Psychotherapie und psychologischer Berater e.V.

Qualifikationen:

Beide haben eine Ausbildung in Gesprächstherapie nach Carl Rogers, Gestalttherapie nach Fritz Perls und Transpersonaler Gestalttherapie bei Dr.rer.soc. Rajan Roth und Dipl.Ing. Deva Prem Kreidler-Roth (Köln und Stuttgart) absolviert.

Tom hat zudem eine Ausbildung in tiefenpsychologischer Hypnose, Niritya ist auch Meditationslehrerin.


Anhang: Forschung zum Thema ADHS und Entwicklung

Forschung zu ADHS geht heute überwiegend davon aus, dass die Entstehung der Störung durch mehrere Faktoren beeinflusst wird. Neben genetischen Einflüssen spielen auch Entwicklungsbedingungen und Umweltfaktoren eine Rolle.


Eine häufig zitierte Übersichtsarbeit von Anita Thapar und Kolleg:innen fasst den aktuellen Forschungsstand so zusammen: ADHS gilt als komplexe Entwicklungsstörung, bei der genetische Veranlagung mit verschiedenen biologischen und psychosozialen Einflüssen zusammenwirkt.

Die Autor:innen betonen, dass neben genetischen Faktoren auch bestimmte Umweltbedingungen – etwa Belastungen während der Schwangerschaft, niedriges Geburtsgewicht oder frühe psychosoziale Stressfaktoren – mit der Entwicklung von ADHS-Symptomen in Zusammenhang stehen können.

→ Thapar, A., Cooper, M., Eyre, O., & Langley, K. (2013). Practitioner Review: What have we learnt about the causes of ADHD? Journal of Child Psychology and Psychiatry. 

https://acamh.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/jcpp.12177


Studien, die sich mit Genetik beschäftigen, zeigen, dass ADHS eine starke biologische Grundlage hat. Eine große Übersichtsarbeit von Stephen V. Faraone und Henrik Larsson beschreibt, dass ADHS zu den psychiatrischen Störungen mit hoher Erblichkeit gehört. Die Forschung zeigt, dass viele genetische Varianten mit kleinen Effekten beteiligt sind, die gemeinsam das Risiko für die Entwicklung der Störung beeinflussen.

→ Faraone, S. V., & Larsson, H. (2019). Genetics of Attention Deficit Hyperactivity Disorder. Molecular Psychiatry. 

https://www.nature.com/articles/s41380-018-0070-0


Ein weiterer wichtiger Forschungsansatz beschäftigt sich mit der Entwicklung von Selbstregulation – also der Fähigkeit, Aufmerksamkeit, Impulse und Emotionen zu steuern. Der Psychologe Joel T. Nigg beschreibt in einer umfassenden Übersichtsarbeit, dass Schwierigkeiten in diesen Bereichen ein zentrales Merkmal vieler Entwicklungsstörungen sind, darunter auch ADHS. Selbstregulation entwickelt sich im Laufe der Kindheit aus dem Zusammenspiel biologischer Voraussetzungen, neuronaler Entwicklung und Erfahrungen in der Umwelt.

→ Nigg, J. T. (2017). Annual Research Review: On the relations among self-regulation, executive functioning, effortful control, cognitive control, impulsivity, risk-taking, and inhibition for developmental psychopathology. Journal of Child Psychology and Psychiatry. 

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28035675