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Dysthymie – die kleine Schwester der Depression

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Dysthymie wird häufig die kleine Schwester der Depression genannt. Niritya und Tom, Heilpraktiker für Psychotherapie in Saarbrücken, informieren über das Beschwerdebild und Möglichkeiten einer Therapie.

Wenn „ganz okay“ nur die halbe Wahrheit ist: Dysthymie

Heute wollen wir von Menschen reden, die von außen betrachtet vollkommen stabil wirken. Die morgens im Büro sitzen, Mails beantworten, kleine Witze in der Kaffeeküche machen. Bei denen erstmal niemand auf die Idee kommen würde, dass da etwas nicht stimmt. An denen nichts auch nur entfernt dramatisch oder ungewöhnlich wirkt.

Und wenn man sie fragt, wie es ihnen geht, lautet die Antwort häufig: „Ganz gut.

Was in dieser Antwort – bewusst oder unbewusst – weggelassen wird, ist die andere Hälfte der Wahrheit. Oft fühlt es sich eben nämlich nicht wirklich gut an. Nicht unbedingt verzweifelt, nicht hoffnungslos, nicht stark leidend – aber dauerhaft irgendwie gedämpft und bedrückt.

Es ist, als würde das Leben permanent auf halber Lautstärke laufen. Freude tritt schonmal auf, aber sie bleibt flach. Zufriedenheit stellt sich kurzfristig ein, hält aber nicht an. Es gibt keinen klar benennbaren Mangel, kein einzelnes Ereignis, das das alles erklärt. Und genau das macht es – sowohl den Betroffenen selbst als auch Außenstehenden – so schwer, diesen Zustand ernst zu nehmen.

In unserer Praxis begegnet uns dieses Bild immer mal wieder. In Psychologen-Deutsch wird das Ganze als „Dysthymie“ oder „persistierende depressive Störung“ bezeichnet.

Gemeint damit ist eine über mindestens zwei Jahre anhaltende depressive Grundstimmung, die von weiteren Symptomen wie geringer Energie und wenig Antrieb, mangelnder emotionaler Schwingungsfähigkeit, vermindertem Selbstwert, Konzentrationsproblemen oder Schlafstörungen begleitet wird. Die Intensität dieser Symptome ist in aller Regel niedriger als bei einer „echten“ Depression. Die Dauer dagegen hat es in sich: Diagnostische Leitlinien sprechen von mindestens zwei Jahren.

Dass eine Dysthymie keine „ausgewachsene“ Depression ist, bedeutet jedoch nicht, dass die Störungsbilder nicht gleichzeitig auftreten können: Diagnostiker sprechen in diesem Fall von einer sogenannten „Double Depression“, bei der sich die Depression sozusagen zusätzlich auf die Dysthymie „draufsetzt.“

Dysthymie: funktionsfähig – aber nicht zufrieden

Ein zentrales Merkmal der Dysthymie ist, dass die äußere Funktionsfähigkeit meistens erhalten bleibt. Wir sehen immer wieder, dass die Betroffenen arbeiten gehen und sich um Familie, Projekte und Freundeskreis kümmern. Ihr Umfeld schätzt sie keineswegs als irgendwie „instabil“ ein – im Gegenteil: Viele Dysthymiker wirken leistungsfähig und gut belastbar.

Aber gerade das führt dazu, dass die Problematik gar nicht wahrgenommen wird: In unserer Gesellschaft wird Funktionsfähigkeit immer noch mit Gesundheit gleichgesetzt. Wer in seinem Leben funktioniert, der kann doch nicht wirklich ein seelisches Problem haben.

Soweit die Annahme. Doch psychische Gesundheit besteht eben nicht nur aus Leistungsfähigkeit. Sie umfasst auch Emotionen, Selbstwert und sowas wie das „Energieniveau“. Bei einer Dysthymie sind genau diese Aspekte betroffen.

Hier geht es nicht um den dramatischen Zusammenbruch. Hier geht es um ein dauerhaft (!) abgesenktes Stimmungsniveau.

Wie die Dysthymie erlebt wird

Wir hören von Betroffenen immer wieder, dass sie ihren Zustand als konstant anstrengend beschreiben:

Ihr Tag beginnt ohne echte Vorfreude, sie erledigen ihre Aufgaben, oft natürlich äußerst gewissenhaft.

Sie hören es, wenn sie gelobt werden, klar, aber sie relativieren das sofort.

Sowas wie Stolz auf die eigenen Leistungen? Wohl eher nicht.

Kritik? Ja, klar, die dagegen bleibt präsent.

Freizeit bringt selten die gewünschte Erholung, ein freier Abend führt nicht automatisch zu innerer Ruhe. Selbst der lang ersehnte Urlaub hebt die Stimmung der Betroffenen nur vorübergehend. Das gedämpfte Grundgefühl kehrt mit Zuverlässigkeit zurück, die mangelnde emotionale Schwingungsfähigkeit bleibt.

Dennoch schaffen es Dysthymiker, sich nach außen stabil zu präsentieren – oft ist ein „So bin ich halt“ zu hören. Aber selbst, wenn das die gefühlte Wahrheit ist: Charakter- und Persönlichkeitsstrukturen sind veränderbar. Auch wenn sie erstmal wie festzementiert wirken.

Der innere Bewertungsmaßstab

Ein Muster, das bei vorliegender Dysthymie (auch: „Dysthymia“) vielleicht mit am auffälligsten ist, ist die permanent ablaufende Selbstbewertung. Der „innere Richter“ ist in vielen Fällen nicht nur besonders kritisch, sondern zudem auch noch ein leistungsorientierter Antreiber:

  • Das reicht noch nicht.
  • Die anderen machen das besser.
  • Das war jetzt gar nichts Besonderes.

Das Fatale dabei: Diese Sätze wirken ja tatsächlich objektiv. Sie hören sich nicht ansatzweise nach „Drama-Queen“ oder „Opfergetue“ an. Genau das macht sie so wirksam. Sie greifen den Selbstwert des Betroffenen nicht frontal an, sondern untergraben ihn leise, aber kontinuierlich. So entsteht mit der Zeit eine Art von verzerrtem inneren Gleichgewicht.

Prokrastination: „Aufschieberitis“ als Vermeidungsstrategie

Immer wieder berichten Menschen, die von einer Dysthymie betroffen sind, außerdem ein Muster, das sie selbst „Aufschieberitis“ nennen. Zum Beispiel wird eine E-Mail im Kopf mehrfach formuliert, bevor sie überhaupt geschrieben wird. Oder ein Bericht bleibt liegen, weil er „noch nicht gut genug“ erscheint.

Je höher der eigene Anspruch, desto größer mitunter der Druck. Und dieser Druck kann dazu führen, dass Aufgaben immer wieder vertagt werden. Kurzfristig fühlt sich das entlastend an – man muss sich dem möglichen eigenen Urteil noch nicht stellen.

Nach außen wirkt das wie Aufschieben, wie Prokrastination. Innen geht es oft eher um die Sorge, den eigenen Maßstäben nicht zu genügen.

Grübeln als Dauerzustand

Die Dysthymie ist häufig mit einem ausgeprägten Grübelmuster verbunden. Jede Entscheidung wird intensiv – nein, eher: intensivst! – geprüft. Und fast natürlich bleibt selbst nach einer getroffenen Wahl die Unsicherheit.

Die Gedanken der Betroffenen kreisen um vergangene Gespräche oder mögliche Fehlinterpretationen – immer und immer wieder. Dieses kognitive Muster bindet erhebliche Ressourcen und kostet viel Energie, die logischerweise an anderer Stelle fehlt.

Ein Fallbeispiel

Unsere Klientin, nennen wir sie Sabrina, ist 36 Jahre alt und arbeitet im Projektmanagement. Sie organisiert in ihrem Job Abläufe, koordiniert Teams und behält die wichtigen Deadlines im Blick. Ihre Kollegen erleben sie als professionell, ruhig und eher nachdenklich als psychisch leidend.

Eine akut bestehende echte Krise gibt es gerade ja auch nicht in ihrem Leben. Trotzdem fühlt sie sich seit Jahren innerlich erschöpft. Auf die Frage von Freunden: „Na, wie geht´s?“ kommt von ihr fast formelhaft die Antwort: „Ganz okay.

Eines ihrer Lieblingswörter in den ersten Gesprächen in unserer Praxis lautet „eigentlich“:

  • Eigentlich geht es mir nicht wirklich schlecht.“
  • Eigentlich ist mein Leben ganz in Ordnung.“
  • Eigentlich müsste ich glücklich sein.“

Sabrina schildert, dass sie nach erfolgreich abgeschlossenen Projekten hauptsächlich Erleichterung spürt, sowas wie Freude stellt sich kaum ein. Abends ist sie zwar müde, bleibt aber innerlich angespannt. Ihre Selbsteinschätzung lautete lange: „Wahrscheinlich bin ich einfach kein besonders glücklicher und zufriedener Mensch, das war ich ja noch nie.“

Dass das Ganze so etwas wie ein erlerntes – und damit veränderbares – Muster zu fühlen sein könnte, war für Sabrina zunächst eine eher seltsame Idee.

Körperliche Begleiterscheinungen der Dysthymie

Langfristige psychische Dämpfung bleibt selten ohne körperliche Entsprechung. Häufig berichten Betroffene über:

  • chronische Müdigkeit
  • Verspannungen und Bruxismus („Zähneknirschen“)
  • Kopfschmerzen
  • Magenbeschwerden
  • Schlafstörungen
  • diffuse innere Unruhe

Wie andere körperliche Beschwerdebilder, die einen psychosomatische Hintergrund haben, werden die Symptome in der Schulmedizin zu oft getrennt voneinander behandelt: Der Zusammenhang mit der Stimmungslage wird in vielen Fällen nicht hergestellt. Dabei ist gut untersucht, wie eine chronisch gedrückte Stimmung neurobiologische Prozesse, Stresshormone und Schlafqualität beeinflussen kann. (Siehe: Science Direct – Psychoneuroimmunologie). Der Körper reagiert halt auf eine anhaltende innere Anspannung. Logisch, oder?

Beziehungen? Oft unter Selbstzweifel.

Auch soziale Beziehungen bleiben von der gedämpften und selbstkritischen Grundstimmung nicht unberührt. Wer dazu neigt, sich selbst immer wieder in Frage zu stellen, interpretiert die Rückmeldungen anderer schneller negativ. Dann wird eine knappe Textnachricht als „distanziert“ eingeschätzt, oder ein objektiv gesehen unwichtiger Konflikt bekommt Bedeutung und bestätigt die sowieso schon bestehenden Zweifel.

Manche Betroffene reagieren dann mit Rückzug, um sich vor weiterer Infragestellung zu schützen. Andere wiederum suchen verstärkt nach Bestätigung, um das Selbstwert- und Sicherheitsgefühl zu stabilisieren.

Beide Strategien sind verständlich, beide entstehen aus dem Versuch, ein fragiles Selbstwertgefühl zu stabilisieren. Wichtig: Die Dysthymie führt nicht zwangsläufig zu Beziehungsabbrüchen. Sie verändert jedoch die innere Haltung zur Beziehung.

Entstehung und Risikofaktoren der Dysthymie

Die Entwicklung einer Dysthymie ist „multifaktoriell“, das heißt: Genetische Veranlagung kann eine Rolle spielen. Ebenso aber auch chronischer Stress, belastende Lebensphasen oder frühe Erfahrungen von Überforderung.

Eine leistungsorientierte Ursprungsfamilie fördert dabei innere Überzeugungen wie „Ich muss funktionieren“ oder „Schwäche darf man nicht zeigen“. Solche Sätze entstehen nicht aus dem Nichts. Sie sind Anpassungsleistungen an das Feld, in das ein Kind hineingeboren wird.

Problematisch werden sie dann, wenn sie ins Erwachsenenalter übernommen werden und starr bleiben. Wichtig: Eine Dysthymie ist alles andere als ein Zeichen mangelnder Disziplin. Viele Betroffene sind eher überdurchschnittlich verantwortungsbewusst.

Warum Hilfe oft spät gesucht wird

Ohne dass eine akute Krise vorliegt, erscheint die Suche nach Unterstützung übertrieben. Regelhaft wird der Satz „Es geht doch“ zum Gegenargument für den Gang zum Therapeuten. Hinzu kommt, dass das Umfeld in der Regel nicht mitleidet – oder auch gar nichts von der Problematik mitbekommt – und dementsprechend selten Alarm schlägt: Wer zuverlässig arbeitet, wirkt nicht hilfsbedürftig.

Diese oft vorhandene Diskrepanz zwischen äußerer Stabilität und innerer Dämpfung verlängert in ganz vielen Fällen die Dauer des Zustands. Jahre können vergehen, ohne dass eine klare Einordnung erfolgt.

Dysthymie und Therapie | Wie wir alsHeilpraktiker für Psychotherapie mit Dysthymie umgehen

In der psychotherapeutischen Arbeit geht es uns nicht primär um eine kurzfristige Stimmungsaufhellung, sondern um die Veränderung innerer Muster und sich wiederholender Denk- und Bewertungsprozesse. Zentrale Themen, die wir gemeinsam mit unseren Klient:innen bearbeiten, sind unter anderem:

– die Förderung einer stabileren Selbstwertregulation,

– der achtsame Umgang mit innerer Selbstkritik,

– die Wahrnehmung und der Ausdruck eigener Bedürfnisse,

sowie die Unterscheidung zwischen der eigenen Person und konkreter Leistung.

Unser therapeutischer Zugang fußt auf humanistisch orientierten Verfahren wie der klientenzentrierten Gesprächstherapie nach Carl Rogers und der Gestaltarbeit nach Fritz Perls, in denen Beziehung, Authentizität, Empathie und Selbstreflexion im Mittelpunkt stehen.

Gerade ein achtsames, nicht wertendes Hinterfragen bisheriger Verhaltens- und Denkmuster in einer Psychotherapie kann schon zu ersten spürbaren Veränderungen führen. Für viele ist die Erfahrung, einmal wirklich gehört zu werden – ohne bewertet zu sein oder sofortige Lösungen zu erhalten – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem stabileren Selbstgefühl und einem erweiterten Blick auf sich selbst und die eigene Lebenswelt.

Dabei ist unser Ziel nicht, künstliche Euphorie zu erzeugen, sondern einen nachhaltigen Zugang zu inneren Ressourcen, Selbstakzeptanz und persönlicher Klarheit zu fördern.

In bestimmten Situationen kann eine ergänzende medikamentöse Behandlung sinnvoll sein. Diese Entscheidung sollte jedoch stets individuell getroffen und gemeinsam mit einem Facharzt / einer Fachärztin sorgfältig abgewogen werden.

Unser Fazit zur Dysthymie

Die Dysthymie ist kein dramatischer Ausnahmezustand. Sie ist eine chronische Stimmung von eher leicht niedergedrückter Intensität und einer erheblichen Dauer. Das äußere Leben bleibt in der Regel funktionsfähig, das innere Erleben jedoch wird wie gedämpft geschildert.

Wer über Jahre hinweg wenig nachhaltige Freude empfindet, sich konstant selbst bewertet und Erfolge nicht genießen kann, sollte diesen Zustand ernst nehmen. Es handelt sich nicht um eine Persönlichkeitsfrage, sondern um ein behandelbares Muster.

Zwischen akuter Krise und echter Zufriedenheit existiert ein breiter Stimmungsbereich. Dysthymie liegt irgendwo dazwischen – unscheinbar, fast wie „normal“, aber eben doch auf eine Art spürbar belastend.

Herzliche Grüße

Niritya und Tom


Wichtig:

Die in diesem Blogartikel beschriebenen Inhalte dienen der allgemeinen Information über das Störungsbild Dysthymie. Sie ersetzen keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei Verdacht auf Dysthymie empfehlen wir, zunächst eine ärztliche Abklärung – auch möglicher körperlicher Ursachen – vornehmen zu lassen.


Über die Autoren dieses Artikels:

Tom Wilhelm und Niritya Speicher-Wilhelm, beide Heilpraktiker für Psychotherapie in eigener Praxis in Saarbrücken und Mitglied im Verband freier Psychotherapeuten, Heilpraktiker für Psychotherapie und psychologischer Berater e.V.

Qualifikationen:

Beide haben eine Ausbildung in Gesprächstherapie nach Carl Rogers, Gestalttherapie nach Fritz Perls und Transpersonaler Gestalttherapie bei Dr.rer.soc. Rajan Roth und Dipl.Ing. Deva Prem Kreidler-Roth (Köln und Stuttgart) absolviert.

Tom hat zudem eine Ausbildung in tiefenpsychologischer Hypnose, Niritya ist auch Reiki- und Meditationslehrerin.