Ein Blogbeitrag von Niritya & Tom, Heilpraktiker für Psychotherapie mit Praxis in Saarbrücken

Gesprächstherapie nach Carl Rogers: mehr als ein Plausch unter Freunden
Wenn ihr uns fragt, hat die Gesprächstherapie ein echtes Imageproblem: Irgendwie klingt das Wort nach: „Wir reden halt mal.“
Dass damit ein ganz spezieller therapeutischer Ansatz gemeint ist, der viel tiefer reicht als ein netter Plausch bei Kaffee und Keksen, geht oft verloren.
Vielleicht liegt das auch daran, dass „Gesprächstherapie“ umgangssprachlich oft als Sammelbegriff herhalten muss – für jedes Therapieverfahren, das irgendwie mit Sprechen zu tun hat.
Von Psychoanalyse über kognitive Verhaltenstherapie bis zur tiefenpsychologischen Therapie: Wenn im therapeutischen Setting Worte gewechselt werden, landet schnell das Etikett „Gesprächstherapie“ darauf.
Doch mit dem, was die eigentliche Gesprächstherapie nach Carl Rogers wirklich meint, hat das erstaunlich wenig zu tun.
Die Psychoanalyse arbeitet mit freien Assoziationen, der Erkundung unbewusster Konflikte und den Spuren früher Beziehungserfahrungen.
Die kognitive Verhaltenstherapie konzentriert sich darauf, Denkmuster und konkrete Verhaltensweisen gezielt zu verändern.
Die tiefenpsychologische Therapie betrachtet aktuelle Schwierigkeiten vor dem Hintergrund früher innerer Dynamiken und nutzt interpretierende Zugänge.
Rogers’ klientenzentrierte Gesprächstherapie, die wir in unserer Praxisgemeinschaft in Saarbrücken anbieten, verfolgt einen ganz anderen Ansatz. Sie gibt keine Deutungen vor, liefert keine Verhaltensanweisungen und orientiert sich nicht an festen Konzepten, sondern am jeweiligen Erleben des Menschen [1].
Ihr Kern ist eine besondere Art der Beziehung – der Versuch einen Raum zu schaffen, in dem Menschen sich selbst wieder wahrnehmen können, ohne Druck, ohne Analyse, ohne Bewertung [2].
Wie die Gestalttherapie nach Fritz Perls und die Innere Kind Arbeit, wie wir sie praktizieren, ist auch die personenzentrierte Gesprächstherapie ein humanistisches Psychotherapieverfahren, das darauf vertraut, dass der Hilfesuchende seine Lösung immer schon in sich trägt [1, 3].
Und dass es nur so etwas wie einen „Sherpa“, einen Bergführer, braucht, der den Weg mitgeht.
Warum Menschen für eine Gesprächstherapie zu uns kommen
Viele der Menschen, die den Weg in unsere Praxisräume finden, haben bereits eine Vorgeschichte hinter sich.
Viel haben schon verschiedenste Therapien ausprobiert, andere eine Menge medizinischer Untersuchungen hinter sich – und wieder andere stecken schon einige Zeit in einer anstrengenden Lebensphase und versuchen einfach, sich irgendwie „durchzubeißen“.
Klar ist: Die meisten Probleme meistern wir aus eigener Kraft.
Aber es gibt Momente, in denen wir alleine nicht mehr weiterkommen und die eigenen Strategien nicht mehr ausreichen.
Die Gründe für einen Besuch in unserer Praxis sind völlig unterschiedlich:
Manchmal stecken Ängste, Panikattacken oder depressive Verstimmungen dahinter, oder der Körper signalisiert durch psychosomatische Beschwerden, dass eine Belastungsgrenze erreicht ist.
Oft geht es auch um das Umfeld: festgefahrene Probleme in der Beziehung, Stress im Job, eine Schüchternheit, die den Betreffenden ausbremst – oder der schmerzhafte Prozess, Abschied und Trauer zu verarbeiten.
Eine Gesprächstherapie nach Rogers kann wieder auf einen begehbaren Pfad führen. Sie kann begleiten, Altes hinter sich zu lassen – oder auch zu integrieren [4]. Und sie kann uns neue Erfahrungen und neue Ideen bringen. Mit dem Ziel, das Leben wieder lebendiger zu machen.
Wie läuft eine Gesprächspsychotherapie nach Carl Rogers in unserer Praxis in Saarbrücken ab?
Zunächst einmal: Der Ablauf unserer Treffen folgt keinem starren Fahrplan, den wir Sitzung für Sitzung stur abarbeiten.
Rogers´ Gesprächspsychotherapie läuft nicht nach einem Schema F ab. Sie richtet sich nach dem, was Dich aktuell beschäftigt und dem, was Du in unser jeweiliges Gespräch mitbringst.
In der ersten Sitzung geht es oft darum, gemeinsam einen Überblick über Deine Situation zu bekommen.
Viele Klienten beschreiben zum Beispiel das Gefühl, im Alltag nur noch zu funktionieren und den Bezug zu sich selbst verloren zu haben.
Das therapeutische Gespräch bietet hier den Rahmen, mal in Ruhe stehenzubleiben und alles zu sortieren. Oft geht es am Anfang darum, dieses innere Chaos überhaupt erst einmal zuzulassen und zu schauen, was sich da im Hintergrund noch so anstaut.
Du bekommst bei uns keine Ratschläge. Und keine Bewertungen.
Das was unser Job ist, lässt sich vielleicht eher so beschreiben: Wir versuchen, das, was wir von Dir hören und was wir zu verstehen glauben, in unsere Worte zu fassen und mit Dir abzugleichen.
Wenn Du Dich selbst so im Gegenüber hörst und erlebst, ordnen sich die Dinge manchmal besser. Da tauchen dann auch schonmal Dinge auf, die sich widersprechen – zum Beispiel, wenn Du nach außen hin prima funktionierst, Dich im Inneren aber total erschöpft fühlst.
Wichtig: Du bestimmst das Tempo. Und Du bestimmst vor allem auch die Richtung, in die sich Deine Gedanken und Gefühle entwickeln [5].
Dieser Weg braucht manchmal Zeit – und er verläuft selten gleichmäßig.
Auf intensive Stunden folgen ganz natürlich auch ruhigere Sitzungen, in denen die neuen Erfahrungen erst einmal im eigenen Tempo „sacken“ dürfen.
Was diesen Raum besonders macht: die 3 Basis-Variablen
Die Stärke der Gesprächstherapie nach Rogers liegt nicht in psychologischen Kniffen oder starren Techniken, sondern in der Haltung des Gegenübers [6].
Drei Grundprinzipien bilden das Fundament dieser Arbeit:
Empathie: Das Mitgehen auf Augenhöhe
Das Wesen der Empathie ist eigentlich ganz simpel: das ehrliche Bemühen, zu begreifen, wie sich das Leben gerade für den anderen anfühlt [7]. Ohne es besser zu wissen, ohne es wegzureden und ohne sofort eine Lösung parat haben zu müssen.
Es bedeutet, dass der Therapeut versucht zu verstehen, warum der andere genau so handelt und nicht anders, anstatt das Verhalten zu bewerten. Dafür legt man die eigenen Maßstäbe für einen Moment beiseite, um den Kern des Problems aus der Perspektive des Gegenübers zu betrachten.
Wertschätzung: Ein Raum ohne Noten und Zensuren
Wertschätzung meint in diesem Zusammenhang eine Akzeptanz, die an keine Bedingungen geknüpft ist [2]. Es wird nichts bewertet, nichts zurechtgerückt und nicht geprüft, ob ein Gefühl gerade „logisch“ oder „angemessen“ oder „normal“ ist.
Alles, was da ist, darf erst einmal so da sein – auch das Unklare, Unsichere, Widersprüchliche oder Unbequeme. Das ist für viele Menschen anfangs ungewohnt, weil unser Alltag meistens von Erwartungen, Normen, Werten und Urteilen geprägt ist.
Echtheit: Begegnung von Mensch zu Mensch
Therapeuten sind hier keine unnahbaren Experten, die hinter einer Maske oder einer steifen professionellen Rolle verschwinden. Echtheit bedeutet, als realer, nahbarer Mensch präsent zu sein [7].
Diese Transparenz sorgt für eine klare und unkomplizierte Atmosphäre im Therapieraum. Wenn das Gegenüber nichts vorspielt, fällt es leichter, selbst die Karten auf den Tisch zu legen.
Abseits des Alltags
Wenn diese drei Bedingungen im therapeutischen Rahmen zusammenkommen, entsteht eine Struktur, die sich grundlegend vom normalen Kaffeeklatsch unterscheidet [6].
Es geht in diesem Rahmen nicht mehr darum, etwas zu beweisen. Oder Erwartungen zu erfüllen. Oder schnelle und effiziente Lösungen zu finden.
Ungewohnt, oder?
Ein Fallbeispiel aus der Praxis
Eine Frau Mitte 40 – nennen wir sie „A.“ – kam wegen einer anhaltenden inneren Unruhe zu uns.
A. kam nicht, weil sie ihr Leben ändern wollte.
A. kam, weil ihr Körper anfing, die Mitarbeit zu verweigern, und das passte überhaupt nicht in ihren engen Zeitplan.
Sie erzählte von ihrem Leben als Abteilungsleiterin, ihrer funktionierenden Ehe und einem Alltag, der nach außen hin makellos wirkte. Und sie war stolz darauf.
Hinter dieser Fassade gab es jedoch eine dauerhafte Unruhe und eine Anspannung, die sie selbst im Urlaub nicht mehr abschalten konnte. Von ihren schlaflosen Nächten und dem Herzrasen, das uns an Panikattacken denken ließ, berichtete sie erst nach und nach.
In den ersten Gesprächen suchte sie immer wieder nach Werkzeugen, um ihre Symptome einfach wegzumachen – damit sie genau so weitermachen konnte wie bisher. Sie verteidigte ihr hohes Pensum fast wie eine Auszeichnung.
Es brauchte Zeit, um an den Kern heranzukommen. Immer wieder schilderte sie ihre feinen Antennen für die Wünsche des Chefs, die Erwartungen der Familie und überhaupt das Wohlbefinden der anderen.
Nach und nach wurde dabei klar, dass das keine bloße Hilfsbereitschaft war, sondern eine tief verinnerlichte Strategie. A. wusste schlicht nicht, wer sie eigentlich war, wenn sie nicht lieferte.
Der Wendepunkt kam, als sie gerade mal wieder recht sachlich von ihrer Woche erzählte: Sie hielt mitten im Satz an und blickte ins Leere. Nach einer Pause sagte sie:
„Ich bin so schnell im Funktionieren, dass ich mich selbst dabei komplett übergehe.“
Es gab danach keinen großen emotionalen Ausbruch, sondern einfach nur ein langes Schweigen. Aber in diesem Moment wurde ihr wahrscheinlich zum ersten Mal bewusst, dass der eigentliche Druck viel weniger außen kam – sondern dass sie sich diesen engen Rahmen selbst geschaffen hatte.
In den folgenden Sitzungen hörten wir viel von dem zähen Kampf gegen die eigenen Reflexe. Sich selbst zu spüren, bedeutete für sie erst einmal, sehr unangenehme Dinge auszuhalten.
Sie berichtete von einem Ziehen im Nacken, von ihrem schlechtem Gewissen und der Angst, nicht mehr zu genügen, wenn sie irgendetwas ablehnte.
Besonders eindrücklich blieb uns eine Situation, die sie schilderte: Nach einem mutigen „Nein“ im Job saß sie minutenlang im Auto und musste gegen ihre aufkommende Panik anatmen.
Es gab Phasen, in denen sie alles hinschmeißen und zurück in den vertrauten Trott wollte.
Als wir sie zum letzten Mal sahen, schilderte sie, dass das alte Muster nicht einfach verschwunden sei. Sie erzählte, dass sie an manchen Tagen nach wie vor ungebremst in den Funktionier-Modus rutsche.
Der große Unterschied sei, dass sie es jetzt bemerke, wenn sie wieder in ein altes Muster rutsche. Und dass sie jetzt darauf reagieren könne.
So unspektakulär, wie sich das anhört: Für A. selbst war das eine spürbare Veränderung, die ihren Alltag deutlich erleichterte.
Gesprächstherapie bedeutet für uns, Menschen auf Augenhöhe zu begegnen.
In unserer Praxisgemeinschaft in Saarbrücken begegnen wir Menschen auf Augenhöhe: nicht als Besserwisser oder schnelle Problemlöser, sondern als ein authentisches und wertschätzendes Gegenüber.
In diesem Raum finden Sicherheit, Unsicherheit, plötzliche Klarheit und auch das gemeinsame Schweigen gleichermaßen ihren Platz.
Wenn Klienten im Prozess feststellen: „So fühlt es sich wieder nach mir an“, dann freuen wir uns über diesen inneren „Shift“.
Weil wir wissen: Diese Dynamik ist in unserem Klienten nicht durch Druck von außen oder vorgegebene Ratschläge entstanden, sondern durch das Finden einer eigenen Lösung.
Und genau darum geht es in der klientenzentrierten Arbeit: um die Möglichkeit, wieder in einen tragfähigen Kontakt mit dem eigenen Erleben zu kommen.
Herzlich,
Niritya und Tom
Übrigens: Auf unserer Praxis-Seite über Gesprächstherapie nach Carl Rogers erfährst Du mehr darüber, wie wir das Verfahren in unserer Saarbrücker Praxis anwenden.
Quellenverzeichnis / Wissenschaftliche Studien
- [1] Rogers, C. R. (1957): The necessary and sufficient conditions of therapeutic personality change. Veröffentlicht in Journal of Consulting Psychology, 21(2), 95–103. Verfügbar unter: APA PsycNet / PubMed
- [2] Rogers, C. R. (1959): A Theory of Therapy, Personality and Interpersonal Relationships as Developed in the Client-Centered Framework. In: Koch, S. (Hrsg.), Psychology: A Study of a Science, Vol. 3. New York: McGraw-Hill. Verfügbar unter: Beeleaf Psychotherapy
- [3] Barrett-Lennard, G. T. (1986): The relationship inventory now: Issues and advances in theory, method and use. In: Greenberg, L. S. & Pinsof, W. M. (Hrsg.), The Psychotherapeutic Process: A Research Handbook. New York: Guilford Press. Verfügbar unter: Murdoch University Research Portal
- [4] Norcross, J. C., & Lambert, M. J. (2018): Psychotherapy relationships that work III. Veröffentlicht in Psychotherapy, 55(4), 303–315. Verfügbar unter: APA PsycNet / PubMed
- [5] Bohart, A. C., & Tallman, K. (2010): Clients: The neglected common factor in psychotherapy. In: Duncan, B. L., Miller, S. D., Wampold, B. E. & Hubble, M. A. (Hrsg.), The Heart and Soul of Change. Washington, DC: American Psychological Association. Verfügbar unter: ResearchGate
- [6] Cooper, M., O’Hara, M., Schmid, P. F., & Wyatt, G. (Hrsg.) (2013): The Handbook of Person-Centred Psychotherapy and Counselling. 2. Auflage. London: Palgrave Macmillan. Verfügbar unter: Google Books
- [7] Cain, D. J. (2010): Person-Centered Psychotherapies. Washington, DC: American Psychological Association. Verfügbar unter: Internet Archive
Die Autoren dieses Artikels:
Niritya Speicher-Wilhelm und Thomas „Tom“ Wilhelm, beide Heilpraktiker für Psychotherapie in eigener Praxis in Saarbrücken und Mitglied im Verband freier Psychotherapeuten, Heilpraktiker für Psychotherapie und psychologischer Berater e.V.
Qualifikationen:
Beide haben eine insgesamt vierjährige Ausbildung in Gesprächstherapie nach Carl Rogers, Gestalttherapie nach Fritz Perls und Transpersonaler Gestalttherapie bei Dr. rer. soc. Rajan Roth und Dipl.-Ing. Deva Prem Kreidler-Roth (Köln und Stuttgart) absolviert.
Thomas hat zudem Fortbildungen in Verhaltenstherapie und EMDR sowie eine Ausbildung in tiefenpsychologischer Hypnose, Niritya ist auch zertifizierte Meditationslehrerin.