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Hochfunktionale Depression: Wenn Leistung zur Fassade wird

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Ein Blogartikel von Niritya & Tom, Heilpraktiker für Psychotherapie mit Praxis in Saarbrücken


Ein Symbolbild für die Hochfunktionale Depression: Niritya & Tom betreiben als Heilpraktiker für Psychotherapie eine Praxisgemeinschaft in Saarbrücken und bloggen hier über die hochfunktionale Depression.

Warum die Depression nicht immer so aussieht, wie wir sie uns vorstellen

Hochfunktionale Depression – noch nie gehört?

Letztens erzählte ein Klient in unserer Praxis, dass er seit Wochen nicht mehr richtig schlafe. Er sagte das ganz nebenbei, ungefähr in demselben Tonfall, in dem Menschen sonst erwähnen, dass ihr Drucker kaputt ist oder sie dringend neue Winterreifen brauchen.

Er saß gepflegt auf seinem Sessel, hatte kurz zuvor noch einen ziemlich guten Witz gemacht und an diesem Tag wahrscheinlich schon mehr Termine koordiniert als wir beide das zusammengerechnet an zwei bis drei Tagen tun.

Bis auf seinen mangelnden Schlaf passte auf den ersten Blick nichts an diesem Gespräch zu dem Bild, das die meisten von uns einer Depression haben:

Menschen, die funktionieren, wirken selten krank.

Das ist eines der größten Missverständnisse rund um Depressionen. Viele stellen sich darunter noch immer einen Zustand vor, der von außen sofort sichtbar sein müsste: morgens nicht mehr aufstehen können, wochenlang keine Nachrichten beantworten, den Alltag kaum noch bewältigen. In vielen Fällen zeigt sich eine Depression ja auch so oder so ähnlich.

Tatsächlich aber gibt es auch gar nicht so wenige Menschen, bei denen ziemlich genau das Gegenteil passiert:

Sie erscheinen pünktlich und gepflegt zum Termin, wirken routiniert höflich und locker, oft sogar humorvoll. Sie bezahlen ihre Rechnungen, verschicken ihre Excel-Tabellen und denken nebenbei noch daran, Blumen für einen Geburtstag zu bestellen.

Sie funktionieren manchmal sogar so zuverlässig, dass sie es oft nicht einmal selbst bemerken, wie erschöpft sie eigentlich sind.

Hier kommt der Begriff ins Spiel: „Hochfunktionale Depression„.


In Kürze: Hochfunktionale Depression – was ist das?

  • Die „Hochfunktionale Depression“ ist keine offizielle klinische Diagnose, beschreibt aber ein häufig vorkommendes psychisches Muster.
  • Nach außen wirken Betroffene meist organisiert, leistungsfähig und belastbar.
  • Typisch sind emotionale Leere, ständige Müdigkeit, Gereiztheit und das Gefühl, nur noch zu funktionieren.
  • Viele nehmen ihre eigenen Grenzen spät wahr und überspielen ihre chronische Erschöpfung lange.
  • Eine Hochfunktionale Depression birgt ein erhöhtes Risiko von plötzlichen, krisenhaften Zusammenbrüchen.
  • Verwandte Depressionsformen sind unter anderem die „maskierte“ oder „agitierte“ Depression, bei denen depressive Symptome ebenfalls eher indirekt sichtbar werden, das bekannte Burnout-Syndrom, oder auch die Dysthymie, die für eine chronische und oft unbemerkte Depressivität steht.
  • Psychotherapeutische Unterstützung kann helfen, einen anderen Umgang mit dauerhaftem Druck und innerer Überforderung zu finden.

Was bedeutet hochfunktionale Depression?

Für das oben beschriebene Erleben wird häufig der Begriff der „hochfunktionalen Depression“ verwendet. Er ist keine offizielle Diagnose, beschreibt aber eine Erfahrung, in der sich viele wiedererkennen: Das Leben läuft weiter, während man selbst innerlich immer weniger in ihm vorkommt.

Irgendwo haben wir mal den Satz gelesen: ‚Das ist eine Depression, die sich hinter Terminkalendern und To-Do-Listen versteckt‘. Wir finden, die Formulierung trifft’s gut.

Das eigentlich Heimtückische ist: Unsere Gesellschaft verwechselt Belastbarkeit gern mit Gesundheit.

Wer seine Termine einhält, gilt als stabil. Wer funktioniert, kann so schlecht nicht dran sein. Und wer es noch schafft, freundlich zu anderen zu sein, erst recht nicht.

Der Klient aus unserer Praxis sagte irgendwann einen Satz, der ziemlich typisch für Menschen mit hochfunktionaler Depression ist: „Ich habe ja nicht mal das Gefühl, dass ich traurig bin. Eher … so dauernd leer.“

Er beschrieb, dass er an freien Tagen kaum noch zur Ruhe kam. [1] Früher war er gern mit Freunden essen oder spontan übers Wochenende weggefahren, aber inzwischen kostete schon allein die Vorstellung davon zu viel Energie.

Also sagte er häufiger ab. Kontrolliert natürlich, gerade so, dass keiner von ihnen genauer nachfragte.

Im Job funktionierte er weiter, vielleicht sogar noch ein Stück perfekter als früher. Er arbeitete länger – und plante effektiver. Von außen wirkte das auf seine Arbeitskollegen wie ein frischer Ehrgeiz, aber eigentlich wollte er nur nicht ins Stolpern geraten und der gefühlten Schwere nachgeben.

Dieses Phänomen, trotz psychischer Belastung eine extrem hohe Leistung am Arbeitsplatz zu zeigen, ist in der Arbeitspsychologie übrigens auch als spezifische Form des „Präsentismus“ bekannt [2].


Hochfunktionale Depression, Dysthymie und Burnout: Was ist der Unterschied?

Der erste Gedanke ist oft: Burnout.

Die Überschneidungen sind groß: Erschöpfung, innere Distanz, das Gefühl permanenter Überforderung.

Und trotzdem gibt es Unterschiede. Das Burnout-Syndrom wird meist als Folge chronischer Überlastung verstanden – häufig bezogen auf Arbeit, Verantwortung oder dauerhaften Stress. Viele vom Burnout Betroffene erleben dabei vor allem das Gefühl, nicht mehr zu können.

Die hochfunktionale Depression beschränkt sich nicht auf einzelne Belastungsbereiche, sondern verändert nach und nach das gesamte Er-Leben.

Im Gegensatz zum Burnout ist sie weniger ein „Nicht-mehr-Können“ als ein „Nichts-mehr-Fühlen“ [3].

Aber natürlich sind Überschneidungen möglich, und das wahrscheinlich gar nicht mal so selten.

Maskierte Depression, agitierte Depression, Dysthymie – wo sind die Unterschiede zur hochfunktionalen Depression?

Oft fällt in diesem Zusammenhang auch der Begriff der „maskierten“, „agitierten“ oder „dysthymen“ Depression. Hinter diesen Begriffen stecken jedoch unterschiedliche Dynamiken:

  • Bei der maskierten Depression stehen körperliche Leiden wie Rücken- oder Magenschmerzen so sehr im Vordergrund, dass die seelische Ursache dahinter fast unsichtbar wird [4].
  • Die agitierte Depression hingegen äußert sich durch eine quälende, rastlose Unruhe und einen ständigen Drang, in Bewegung zu bleiben, um der inneren Spannung zu entkommen.
  • Die sogenannte Dysthymie beschreibt eher eine chronische depressive Grundstimmung, die sich oft über Jahre zieht und von Betroffenen irgendwann fast als Teil ihrer Persönlichkeit erlebt wird. Lies zu dieser chronischen Depressionsform gerne weiter in unserem Blogartikel: „Dysthymie – die kleine Schwester der Depression„.

Die hochfunktionale Depression wirkt gegenüber den beiden erstgenannten Arten der depressiven Verstimmung oft unauffälliger: Sie zeigt sich weder primär über körperliche Beschwerden noch über eine sichtbar rastlose Getriebenheit.

Und auch die dauerhaft gedrückte Grundstimmung der Dysthymie ist eher untypisch. Stattdessen entsteht nach außen oft im Gegenteil der Eindruck, dass alles in Ordnung ist und funktioniert – während innerlich zunehmend Leere, Erschöpfung oder emotionale Distanz entstehen.

Die Übergänge sind oft fließend

In der unserer Praxis in Saarbrücken zeigt sich oft, dass die Übergänge zwischen chronischem Stress, Angststörungen oder depressiven Phasen fließend sind.

Und: Bevor man versucht, das Erleben in ein klinisches Raster zu pressen, steht vielleicht eine andere, sehr persönliche Einsicht ins Haus: Die Erkenntnis nämlich, dass das jahrelange Funktionieren gegen die eigenen Grenzen einen Preis gefordert hat.


Warum manche Menschen besonders lange funktionieren

Auffällig ist, dass eine hochfunktionale Depression häufig Menschen betrifft, die früh gelernt haben, sich zusammenzureißen. Menschen, die sehr früh vernünftig waren. Anpassungsfähig. Verlässlich. Oft hört man später Sätze wie: „Ich wollte nie Probleme machen.“

Nicht hinter jeder hochfunktionalen Depression steckt dieselbe Geschichte. Trotzdem gibt es biografische Muster, die erstaunlich oft auftauchen. Viele Betroffene haben früh erlebt, dass Anerkennung an Leistung, Anpassung oder Verantwortungsgefühl geknüpft war [5].

Manche von ihnen waren die Kinder, die funktioniert haben, keinen Ärger gemacht haben und eher vermittelt als rebelliert haben.

Was dabei früh gelernt wird, verschwindet unreflektiert in vielen Fällen nicht einfach so. Wer als Kind erlebt, dass Funktionieren Sicherheit, Anerkennung oder Ruhe schafft und Ängste verdrängt, trägt dieses Muster oft unbewusst weiter – später im Beruf, in Beziehungen oder generell im Umgang mit sich selbst.

Der Klient in unserer Praxis sagte in einem unserer therapeutischen Gesprächen irgendwann: „Ich glaube, ich habe mein ganzes Leben versucht, jemand zu sein, der keine Umstände macht.“

Andere wiederum entwickeln solche Muster erst später durch dauerhaften Druck, emotionale Überforderung oder Lebensphasen, sogenannten Belastungsreaktionen, in denen sie zu lange über die eigenen Grenzen gegangen sind.

Und manchmal stehen Verluste dahinter, eine ungelöste Trauer oder belastende Umbrüche, auf die Menschen über lange Zeit nur noch mit Funktionieren reagieren.

Alkohol als Selbregulation

Manche Betroffene nutzen Alkohol oder andere Substanzen als Krücke, um überhaupt in den Schlaf zu finden [6]. Andere brauchen diese kurze chemische Pause, damit das ständige innere Rauschen und die Anspannung für einen Moment leiser werden.

Wie auch immer: Es ist ein Versuch der Selbstregulation, der langfristig jedoch genau die Erschöpfung vertieft, die er doch eigentlich lindern soll.


Selbstoptimierung löst nicht jedes innere Problem

Die Betroffenen werden oft wahre Meister darin, sich selbst „wegzuorganisieren“. Da werden Listen geführt, Kalender gekauft und Podcasts über Stressmanagement gehört.

Unser Klient plante seine Erholung tatsächlich so effizient wie seinen Job: Sport, Schlaftracking, Meditation. Alles war optimiert, nur leichter wurde es nicht.

Es gibt ja inzwischen auch einen ganzen Markt für die Idee, man könne Erschöpfung vor allem durch bessere Routinen bewältigen. Menschen kaufen Tagesplaner für achtsamere Morgen, abonnieren Meditations-Apps und hören Podcasts darüber, wie man Stress reduziert, während sie gleichzeitig versuchen, noch produktiver zu werden.

Selbst Erholung soll inzwischen effizient funktionieren.

Das Problem ist: Wenn die eigentliche Ursache nicht fehlende Organisation ist, sondern dauerhafte innere Überforderung, helfen bessere Listen nur begrenzt.

Viele Menschen merken schon gar nicht mehr, wie erschöpft sie sind, weil die Erschöpfung in ihrem Leben längst zu einer Art „Grundrauschen“ geworden ist.


Fazit: Funktionieren ist nicht dasselbe wie gesund sein

Hochfunktionale Depression fällt auch deshalb so selten auf, weil sie sich erstaunlich gut tarnt. Sie sieht oft aus wie Ehrgeiz, Zuverlässigkeit oder Belastbarkeit. Nach außen wirkt vieles kontrolliert, strukturiert, leistungsfähig – Eigenschaften, die gesellschaftlich nicht nur akzeptiert, sondern permanent belohnt werden.

Wer ständig beschäftigt ist, gilt schnell als engagiert. Wer wenig schläft und trotzdem funktioniert, als belastbar. Und wer trotz Erschöpfung weitermacht, bekommt eher Anerkennung als die Frage, warum das überhaupt nötig ist.

In einer Kultur, in der Überforderung oft wie ein Nebenprodukt von Erfolg behandelt wird, wirkt psychische Erschöpfung ja auch ganz normal [7].

Dass sich hinter diesem dauernden Funktionieren manchmal kein gesundes Durchhaltevermögen mehr verbirgt, sondern ein Leben, das innerlich längst zu schwer geworden ist, fällt häufig erst spät auf.

Nicht jede Erschöpfung ist automatisch eine Depression. Und nicht jede schwierige Phase braucht sofort eine Diagnose.

Die Idee, zuerst mal komplett zusammenbrechen zu müssen, um sich das Einfordern von Hilfe erlauben zu dürfen, ist aber vielleicht auch nicht die beste.

Herzlich, Niritya & Tom


Quellenverzeichnis / Wissenschaftliche Studien

  • [1] Treadway, M. T., & Zald, D. H. (2011): Reconsidering anhedonia in depression: lessons from translational neuroscience. Veröffentlicht in Neuroscience & Biobehavioral Reviews. Verfügbar unter: PubMed / NCBI
  • [2] Johns, G. (2010): Presenteeism in the workplace: A review and research agenda. Veröffentlicht in Journal of Organizational Behavior. Verfügbar unter: Wiley Online Library.
  • [3] Schramm, E., Klein, D. N., Elsaesser, M., Furukawa, T. A., & Domschke, K. (2020): Review of dysthymia and persistent depressive disorder: history, correlates, and clinical implications. Veröffentlicht in The Lancet Psychiatry. Verfügbar unter: PubMed / NCBI
  • [4] Kipnis, A., Vilens, A., & Zilberman, A. (2005): Somatized depression. Veröffentlicht in Harefuah. Verfügbar unter: PubMed / NCBI
  • [5] Blatt, S. J. (2004): Experiences of depression: Theoretical, clinical, and research perspectives. Herausgegeben von der American Psychological Association. Verfügbar unter: APA PsycNet
  • [6] Khantzian, E. J. (1985): The self-medication hypothesis of addictive disorders: focus on heroin and cocaine dependence. Veröffentlicht in The American Journal of Psychiatry. Verfügbar unter: PubMed / NCBI
  • [7] Schaufeli, W. B., Salanova, M., González-Romá, V., & Bakker, A. B. (2002): The measurement of engagement and burnout: A two sample confirmatory factor analytic approach. Veröffentlicht in Journal of Happiness Studies. Verfügbar unter: SpringerLink / DOI

Hinweis:

Dieser Blogartikel ersetzt keine psychotherapeutische oder medizinische Diagnose. Wenn Du Dich über längere Zeit emotional erschöpft, innerlich leer oder dauerhaft überfordert fühlst, kann professionelle Unterstützung sinnvoll sein.

In akuten Krisen oder bei Suizidgedanken erhältst Du rund um die Uhr kostenlose Hilfe bei der TelefonSeelsorge unter 0800/1110111 oder 0800/1110222. Weitere Informationen findest Du bei der TelefonSeelsorge Deutschland.


Über die Autoren dieses Artikels:

Niritya Speicher-Wilhelm und Thomas „Tom“ Wilhelm sind beide Heilpraktiker für Psychotherapie in eigener Praxis in Saarbrücken und Mitglied im Verband freier Psychotherapeuten, Heilpraktiker für Psychotherapie und psychologischer Berater VFP e.V.

Qualifikationen:

Beide haben eine vierjährige Ausbildung in Gesprächstherapie nach Carl Rogers, Gestalttherapie nach Fritz Perls und Transpersonaler Gestalttherapie bei Dr.rer.soc. Rajan Roth und Dipl.Ing. Deva Prem Kreidler-Roth in Köln und Stuttgart absolviert und praktizieren bereits seit einigen Jahren im Bereich psychischer Belastungen und deren therapeutischer Begleitung, auch in der Arbeit mit Depressionen und ihren Dynamiken.

Tom hat zudem Fortbildungen in Verhaltenstherapie und EMDR sowie eine Ausbildung in tiefenpsychologischer Hypnose, Niritya ist auch Meditationslehrerin.