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ADHS im Erwachsenenalter | Ein Blog aus Saarbrücken

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ADHS-Symptome im Erwachsenenalter: Ein Blogartikel von Niritya & Tom, Heilpraktiker für Psychotherapie mit Praxis in Saarbrücken.

ADHS: dem Kind einen Namen geben

Begriffe wie ADHS, Autismus oder Neurodiversität sind gerade allgegenwärtig – in Podcasts, auf Social Media, in Psychologie-Magazinen, sogar im Telefonat mit Freunden.

Und viele erwachsene Menschen stolpern irgendwann über die genannten Beschreibungen und Symptome und denken: „Moment. Das klingt schon irgendwie nach mir!

Konzentrationsprobleme, schnelle Reizüberflutung, starke emotionale Reaktionen oder dieses Gefühl, innerlich ständig unter Strom zu stehen – Dinge, die lange einfach nur wie persönliche Schwächen wirkten, bekommen plötzlich einen Namen.

Aktuell spielt gerade die Thematik ADHS im Erwachsenenalter auch in den Gesprächen in unserer Praxis in Saarbrücken wieder eine größere Rolle, so wie schon Anfang der 2010er Jahre.

Viele Erwachsene merken augenscheinlich erst relativ spät, dass hinter ihrer inneren Unruhe, ihrem sprunghaften Denken oder ihrer Schwierigkeit, Dinge zu strukturieren, möglicherweise doch mehr steckt als fehlende Disziplin oder ein „schwacher Charakter“ [1].

Dem Kind einen Namen geben zu können – hier am Beispiel ADHS, gleiches gilt aber z.B. auch für Autismus-Spektrum-Störungen – wirkt für viele Menschen erstmal entlastend.

Logisch: Wer erkennt, dass bestimmte Muster vielleicht nicht einfach mit mangelnder Selbstkontrolle zu tun haben, beginnt oft, mit einem wohlwollenderen Blick auf sich selbst zu schauen.


Was ist ADHS im Erwachsenenalter?

ADHS im Erwachsenenalter ist eine überdauernde neurobiologische Entwicklungsstörung, die auf der in der Kindheit beginnenden ADHS basiert.

Sie ist durch Kernsymptome wie Unaufmerksamkeit/Konzentrationsstörungen, innere Unruhe (statt ausgeprägter Hyperaktivität) und Impulsivität gekennzeichnet.

Betroffene erleben häufig Schwierigkeiten in Organisation, Planung und Regulation von Emotionen, was zu signifikanten Beeinträchtigungen in Beruf und Privatleben führt.


ADHS bei Erwachsenen: chaotisch, unkonzentriert, impulsiv, normal?

Besonders Menschen, die sich schon lange vor dem Erwachsenenalter als chaotisch, unkonzentriert oder impulsiv erlebt haben, finden sich im Begriff ADHS und der entsprechenden Symptomatik wieder – und bekommen damit vielleicht zum ersten Mal eine Erklärung für ihr eigenes Erleben.

Eine neurophysiologische Erkenntnis für das eigene Verhalten gefunden zu haben, macht vieles leichter.

Das ist und war ja auch ein Teil des Ziels der Neurodiversitätsbewegung:

Unterschiede in der Funktionsweise des menschlichen Gehirns – etwa bei ADHS, Autismus oder anderen Spektrumsmerkmalen – nicht ausschließlich als Defizite zu betrachten, sondern als natürliche Varianten der biologischen Entwicklung, die ebenso Verständnis, Akzeptanz und passende Lebensbedingungen verdienen, wie die sogenannten „normalen“ Nervensysteme.

Und mit diesen Erkenntnissen vor allem auch Stigmatisierungen aufzubrechen.


So weit, so gut, so wichtig.

Das ist die eine Seite dieser Medaille. Es gibt jedoch einen weiteren Punkt, der uns in unserer Praxis immer wieder begegnet, und der unserer Meinung nach in der aktuellen Entwicklung gerade viel zu wenig betrachtet wird:

Kein Nervensystem nämlich entwickelt sich im luftleeren Raum. Kinder – und damit auch ihre Nervensysteme – wachsen in einer konkreten Umgebung auf: in Familien, Schulen, Beziehungen, unter Erwartungen und manchmal auch unter anhaltendem Stress.

Wichtig ist uns: Es geht hier nicht darum, Störungsbilder, etwa aus dem ADHS-Spektrum, kleinzureden oder zu negieren. Wir glauben sehr wohl, dass es diese Störungsbilder tatsächlich gibt.


Ein genauerer Blick kann lohnend sein.

Manche der im Erwachsenenalter erkennbaren, belastenden Muster entstehen aber nicht nur durch neurologische Unterschiede, sondern auch durch die Erfahrungen, auf die ein junges Nervensystem im Laufe seiner Entwicklung zu reagieren lernt [2].

Verhaltensweisen, die später wie typische ADHS-Symptome wirken, können sich je nach familiärem und sozialem Umfeld in der Entwicklung eines Kindes über Jahre hinweg herausbilden.

Manchmal passiert das sehr unterschwellig, vor allem für die Betroffenen ist es oft kaum bemerkbar. Auf jeden Fall sind es aber Strategien des Kindes und Jugendlichen, mit seiner ganz spezifischen Umgebung zurechtzukommen.

Daher lohnt in jedem einzelnen Fall ein differentialdiagnostischer Blick auf das Geschehen.


Ein Fallbeispiel (nicht nur) für ADHS aus unserer Praxis

Anna (Name, Alter und Lebensumstände geändert) war Ende 20, verpartnert und arbeitete als Arthelferin in einer Allgemeinarztpraxis, als sie zum ersten Mal in unserer Praxis erschien.

Wenn sie über das sprach, was in ihrem Kopf passierte, beschrieb sie das mit einem Bild: „Manchmal fühlt es sich an, als würden mehrere Radiosender gleichzeitig laufen. Und irgendwo pfeift ein Affe dann noch zusätzlich die Melodie von Macarena dazu.“ Humor hatte sie, trotz allem.

Anna schilderte, dass ihre Gedanken gefühlt extrem schnell von einem Thema zum nächsten sprangen und dass ständig neue Ideen auftauchten.

Im Alltag – und besonders belastend empfand sie es im Job – merkte sie das besonders bei organisatorischen Abläufen: Termine verschwanden manchmal „wie von Zauberhand“ aus dem Kalender, an und für sich wichtige Aufgaben blieben halbfertig liegen.

Und dadurch hatte sie das Gefühl, dass sie schnell den Überblick verlor. Sie verurteilte sich dafür, so zu sein.

Das alles machte sie natürlich oft traurig und strengte sie sehr an. Sie war total erschöpft. Und – logisch: Ihre Chefin meckert über ihre „mangelnde Arbeitsmoral“ und ihre „Unverantwortlichkeit„.

Gleichzeitig konnte sie privat stundenlang in Projekten versinken, die sie wirklich interessierten. Wenn etwas ihre Aufmerksamkeit fesselte, arbeitete sie mit einer beeindruckenden Konzentration.

Bestes Beispiel: ihr Faible fürs Stricken. Aber auch das funktionierte eben nicht immer.

Lange hielt sie sich einfach für „ziemlich chaotisch“.

Als sie irgendwann einen Artikel über „ADHS im Erwachsenenalter“ las, erkannte sie viele der dort beschriebenen Symptome wieder: die schnelle Ablenkbarkeit, die impulsive Art zu denken, aber auch die möglichen Momente eines intensiven Konzentriertseins [3].

Anna war unsicher, wie sie mit dieser Erkenntnis umgehen sollte und entschied sich schlussendlich dafür, bei uns anzurufen und einen Termin zu vereinbaren.

Ihre Idee dahinter war zunächst erstmal gar nicht, eine ADHS-Diagnose bestätigt zu bekommen: Ihr ging es vor allem darum, klarzukriegen, warum sich ihr Berufsalltag für sie oft so unglaublich anstrengend und unbefriedigend anfühlte.

In unseren Gesprächen haben wir dann gemeinsam auf ihre aktuellen Erwachsenen-Erfahrungen, ihr Leben und ihren Job geschaut, mit Innerer-Kind-Arbeit aber eben auch auf ihre Biografie.

Dabei tauchten peu à peu ein paar schon lange beiseite gelegte Erinnerungen aus ihrer Kindheit auf: die lange Jahre angespannte Atmosphäre zuhause, die häufigen Konflikte zwischen ihren Eltern, und das Gefühl, dass sie als das Kind besonders aufpassen und „das Ganze irgendwie regeln“ musste, damit das Familiensystem nicht auseinanderflog.

Vielleicht war es in ihrem Fall also nicht nur ADHS. Vielleicht war es bei Anna eine Mischung aus beidem: einer möglichen neurologischen, vielleicht ererbten ADHS-Veranlagung und andererseits ihrem ganz spezifisch geprägten Nervensystem, das in der Kindheit gelernt hat, besonders wachsam zu sein.

In der Psychiatrie gibt es dafür einen tollen Begriff: Die Symptomatik könnte in Annas Fall multifaktoriell bedingt sein, das heißt, es könnte  verschiedene Ursachen für das geben, was sie erlebt [4].

Als Mitverursacher einer ADHS-Symptomatik werden in der Fachwelt dabei schon länger diskutiert:

  • die spezifische genetische Veranlagung
  • neurobiologische Prozesse
  • Umweltbedingungen
  • die jeweilige Entwicklung / Kindheit / Familie
  • weitere psychosoziale Faktoren

Für Anna entstand mit der Zeit ein klareres Bild von sich selbst. Sie hatte eine viel bessere Vorstellung davon, welche Bedürfnisse sie hatte und was ihr gut tat – und was nicht. Und sie fing an, ihre innere Unruhe früher wahrzunehmen und bekam schneller mit, in welchen Situationen ihr Nervensystem besonders stark reagierte, und wo es mal ausruhen konnte.

Einige Monate nach dem Ende unserer Treffen meldete sich Anna nochmal bei uns: Sie hatte ihren Job gewechselt – ihr neues Arbeitsumfeld empfand sie als viel passender und entspannter.


Ein ADHS-Hype?

Dass gerade ein regelrechter Hype um die Thematik ADHS, Autismus und Neurodivergenz existiert, lockt natürlich auch „Wunderheiler“ auf die Matte, die sich mit ihrem Marketing-Sprech oft an der Grenze zu unerlaubten Heilsversprechen bewegen.

Dabei ist – wie bei unserem Beispiel mit Anna – wichtig: Eine Therapie ist nie ein schneller Lösungsweg. Veränderungen entstehen auch hier meist schrittweise. Durch Erfahrungen im Gespräch, durch ein wachsendes Verständnis für die eigene Geschichte und durch Ausprobieren neuer Verhaltensweisen.

So entwickelt sich die Möglichkeit, dass alte Muster überschrieben werden können.


ADHS-Symptome aus einer anderen Perspektive: Wie sich das Nervensystem in der Kindheit entwickelt

Jeder von uns weiß: Wenn ein Kind geboren wird, ist sein Gehirn noch lange nicht fertig entwickelt. Viele Verbindungen zwischen Nervenzellen entstehen erst in den ersten Lebensjahren.

In dieser Zeit prägen Erfahrungen aus der Umgebung ganz direkt, wie das Nervensystem arbeitet – also zum Beispiel, wie Aufmerksamkeit funktioniert, wie schnell Stressreaktionen ausgelöst werden oder wie leicht sich jemand später konzentrieren kann.

Kinder lernen dabei nicht nur zu laufen, zu sprechen oder soziale Regeln. Ihr Gehirn lernt auch, wie die Welt ungefähr „funktioniert“. Ist sie eher ruhig und berechenbar? Oder eher unruhig, laut oder angespannt, vielleicht sogar gefährlich?

  • Wächst ein Kind in einer stabilen Umgebung auf, in der es sich sicher fühlt und verlässliche Bezugspersonen hat, kann sich seine Fähigkeit zur Selbstregulation Schritt für Schritt entwickeln. Es lernt, mit Stress umzugehen, Gefühle zu sortieren und seine Aufmerksamkeit zu steuern.
  • Ist die Umgebung dagegen häufig von Konflikten, Unsicherheit oder hoher Anspannung geprägt, reagiert das Nervensystem anders. Es stellt sich stärker auf Wachsamkeit ein.

Viele Kinder entwickeln dann ein sehr feines Gespür für Stimmungen, Stimmen oder kleine Veränderungen in ihrer Umgebung. Das ist kein Defekt. Es ist eine oft überlebenswichtige Anpassung. Eigentlich ist es sogar eine richtiggehende „Superkraft“: Kinder sind erstaunlich gut darin, sich auf ihre Umwelt einzustellen.

Ein Kind, das häufig Kritik erlebt, achtet vielleicht besonders genau darauf, Fehler zu vermeiden. Ein anderes, das wenig Orientierung erlebt, versucht selbst Struktur herzustellen – oder wird unruhig, wenn sie fehlt.

Und ein Kind, das viel Spannung im Umfeld wahrnimmt, beobachtet möglicherweise sehr genau, wie sich Stimmungen im Raum verändern.

Solche Strategien helfen zunächst einmal, mit der Situation zurechtzukommen. Gleichzeitig prägen sie uns, wie unser Nervensystem auf Reize reagiert.

Manchmal zeigen sich diese frühen Anpassungen später dann auch noch im Erwachsenenalter, und zwar in Mustern, die stark an ADHS erinnern: schnelle Ablenkbarkeit, innere Unruhe oder das Gefühl, dass ständig mehrere Gedanken gleichzeitig im Kopf unterwegs sind.

Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass solche Erfahrungen ausschließlich durch ADHS entstehen. Ein Teil kann durchaus biologisch oder genetisch bedingt sein.

Aber gleichzeitig berichten viele Menschen rückblickend, dass ihr Nervensystem schon früh lernen musste, besonders aufmerksam auf ihre Umgebung zu reagieren. Eine Differentialdiagnose ist daher in jedem Einzelfall lohnend.


Differentialdiagnosen zu ADHS bei Erwachsenen und die Abgrenzungen

Wenn der Verdacht auf ADHS im Erwachsenenalter im Raum steht, hilft ein genauerer Blick – die sogenannte Differentialdiagnostik – dabei, die typischen Anzeichen wie Unaufmerksamkeit, Impulsivität oder diese ständige innere Unruhe besser zu verstehen.

Es geht darum, behutsam hinzuschauen, was wirklich hinter den Mustern steckt, da sich die Signale unseres Nervensystems bei verschiedenen psychischen oder neurologischen Herausforderungen oft sehr ähnlich sehen.

Weil diese Übergänge so fließend und eng miteinander verwoben sind, ist eine fundierte Abklärung durch Fachärzte oder spezialisierte Psychotherapeuten wichtig.

Häufige Differentialdiagnosen zu ADHS im Erwachsenenalter sind:

  • Affektive Störungen (z. B. Depressionen oder Bipolare Störungen) | Abgrenzung: Hier kommt es vor allem auf den zeitlichen Verlauf an: Konzentrationsstörungen und Antriebslosigkeit treten bei Depressionen meist phasenweise auf, während sie bei ADHS als lebenslanger Begleiter fast situationsunabhängig bestehen. Auch die manischen Phasen einer Bipolaren Störung können die typische ADHS-Hyperaktivität täuschend echt imitieren – im Gegensatz zur ADHS verlaufen diese intensiven Hochphasen jedoch immer episodisch und klingen nach einer gewissen Zeit wieder ab.
  • Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) | Abgrenzung: Beide Bilder teilen die impulsive Art und die Schwierigkeit, intensive Gefühle zu regulieren. Bei ADHS steht jedoch eine chronische Reizüberflutung im Vordergrund, kombiniert mit Blockaden bei der Selbstorganisation, wodurch Betroffene Aufgaben extrem vor sich herschieben. Bei einer Borderline-Störung liegt der eigentliche Kern dagegen im Erleben von Beziehungen – geprägt von massiven Ängsten vor dem Verlassenwerden, tiefen Identitätskrisen und oft auch selbstverletzendem Verhalten.
  • Angststörungen und Zwangsstörungen | Abgrenzung: Das Grübeln und eine ständige gedankliche Unruhe kommen bei ADHS durch Reizüberflutung vor. Bei Angststörungen oder Zwangsstörungen dienen die gedanklichen Schleifen jedoch ganz besonders der Vermeidung von Bedrohungen oder der Kontrolle von Ängsten.
  • Autismus-Spektrum-Störung (ASS) | Abgrenzung: Beide Entwicklungsbesonderheiten überschneiden sich in der Praxis stark. Während bei ADHS jedoch der plötzliche Impuls und die ständige Suche nach neuen Reizen oder Stimulation im Vordergrund stehen, dominieren bei einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) vielmehr das tiefe Bedürfnis nach strengen Routinen, intensiv gelebte Spezialinteressen sowie ausgeprägte Schwierigkeiten dabei, nonverbale soziale Signale – wie Mimik oder Untertöne – intuitiv zu erfassen und zu erwidern.
  • Schlafstörungen oder Schilddrüsenerkrankungen | Abgrenzung: Die körperlichen Symptome können eine ADHS täuschen echt nachahmen: Chronischer Schlafmangel, eine Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) oder Eisenmangel können eine ähnliche Nervosität, starke Konzentrationsprobleme und innere Unruhe auslösen. Um Fehldiagnosen zu vermeiden, müssen diese organischen Ursachen zwingend vor einer ADHS-Diagnose medizinisch ausgeschlossen werden.

Warum ADHS heute so ein großes Thema ist

Dass ADHS im Moment überall auftaucht, hat wahrscheinlich auch etwas mit den Bedingungen zu tun, unter denen wir heute leben und arbeiten.

Unsere Umgebung stellt ziemlich hohe Anforderungen an Aufmerksamkeit und Selbstorganisation, schon Kinder sollen lange still sitzen, sich konzentrieren, Anweisungen folgen und dabei am besten noch mehrere Dinge gleichzeitig im Blick behalten.

Aber mal ehrlich: Selbst viele Kinder ohne ADHS-Diagnose tun sich damit schwer. Weil es einfach für die meisten Menschen in dieser gesellschaftlich erwünschten Form kaum – oder eben nur mit hoher Anstrengung – realisierbar ist.

Im Erwachsenenleben hört das nicht auf. Ständige Erreichbarkeit, eine Flut an Informationen, Großraumbüros, digitale Ablenkung – vieles in unserem Alltag fordert Aufmerksamkeit permanent ein [5]. Pausen? Ruhe? Regeneration? Oft Fehlanzeige.

Unter solchen Bedingungen geraten viele Nervensysteme irgendwann an ihre Grenzen. Auch die, die man früher einfach als „normal“ bezeichnet hätte.

Unsere zum Beispiel. 😉

Was dann wie ein persönliches Problem aussieht – Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, schnelle Reizüberflutung, Erschöpfung – wird heute schnell als ADHS interpretiert. Manchmal steckt auch tatsächlich ADHS dahinter.

Manchmal zeigt sich darin aber eben, dass unsere Umwelt für menschliche Aufmerksamkeit in vielen Bereichen einfach viel zu intensiv geworden ist.


ADHS zwischen Veranlagung und Erfahrung

Dass heute mehr über ADHS gesprochen wird, hat wie oben bereits erwähnt, gleichzeitig auch eine gute Seite. Viele Menschen finden dadurch erstmals eine Erklärung für Erfahrungen, die sie schon lange, lange, lange begleiten.

Eine Diagnose kann dann entlastend sein und den Druck rausnehmen. Sie hilft zu verstehen, warum bestimmte Dinge im Alltag schwerfallen, während andere überraschend leicht gehen.

Trotzdem erzählt so eine Diagnose ja nie die ganze Geschichte eines Menschen.

Zwei Menschen können zum Beispiel dieselbe ADHS-Diagnose bekommen und sich doch aus ganz unterschiedlichen Gründen sehr ähnlich fühlen. Beim einen spielt vielleicht vor allem eine neurologische Veranlagung eine Rolle.

Beim anderen haben Erfahrungen im Laufe der Entwicklung viel stärker geprägt, wie sein Nervensystem auf Reize reagiert.

Wahrscheinlich liegt die Realität wie so oft irgendwo dazwischen: Nicht alles ist angeboren. Und nicht alles entsteht durch Erfahrungen. Diese Sichtweise wird auch von Studien gestützt [6].


Wie gehen wir als Heilpraktiker für Psychotherapie mit ADHS beim Erwachsenen in unserer Saarbrücker Praxis um?

Aus unserer jahrelangen psychotherapeutischen Praxiserfahrung zeigt sich immer wieder, dass menschliche Muster tatsächlich selten nur die eine Ursache haben.

Klar: ADHS-Symptomatiken hängen fraglos ziemlich häufig mit einer neurologischen Veranlagung zusammen [7].

Gleichzeitig bringt jeder Klient aber auch seine eigene Lebensgeschichte mit – seine Erfahrungen in der Kindheit, manchmal seine erlittenen Traumata – aber auch seine oft schon früh entwickelten Strategien im Umgang mit Stress und damit die Art, wie sein Nervensystem auf bestimmte Situationen zu reagieren gelernt hat [8].

Häufig ist es gerade dieses ganz individuelle Zusammenspiel, das das Leben im Erwachsenenalter prägt.

In unserer therapeutischen Arbeit geht es deshalb auch viel weniger darum, eine einfache Erklärung zu finden, sondern mehr darum, in unseren Gesprächen gemeinsam ein differenzierteres Verständnis für die eigene Geschichte und die eigenen Muster zu entwickeln.

Dabei schauen wir in der Therapie nicht nur auf Symptome oder Diagnosen, sondern auch darauf, wie jemand gelernt hat, mit seiner Umwelt umzugehen.

Welche Strategien und welche Persönlichkeitsanteile haben einmal geholfen, waren nützlich? Welche sind vielleicht heute noch wertvoll – und welche sind eher anstrengend geworden?

Aus dieser Perspektive, für die etwa die Gestalttherapie nach Fritz Perls den passenden Rahmen bietet, entsteht bei manchen unserer Klient:innen schon so etwas wie Entlastung.

Viele Menschen merken, dass ihr Verhalten nicht einfach ein persönliches Versagen ist, sondern Teil einer Entwicklungsgeschichte, die viele Aspekte umfasst.

Wenn diese Zusammenhänge klarer werden, entsteht oft auch mehr Spielraum: in der Therapie neue Wege auszuprobieren, freundlicher und wohlwollender mit sich selbst umzugehen, und im Alltag Strukturen zu finden, die besser zum eigenen Nervensystem passen.

Herzlich

Niritya und Tom


Quellenverzeichnis / Wissenschaftliche Studien

[1] Song, P., et al. (2021): The global prevalence of adult attention-deficit hyperactivity disorder: A systematic review and meta-analysis. Veröffentlicht in: Journal of Global Health. Verfügbar unter: PubMed / NCBI

Die Meta-Analyse liefert fundierte statistische Daten zur weltweiten Häufigkeit von ADHS im Erwachsenenalter und unterstreicht die globale Relevanz des Krankheitsbildes.

[2] Rutter, M. (2005): Environmentally mediated risks for psychopathology: research strategies and findings. Veröffentlicht in: Journal of Child Psychology and Psychiatry, Band 46, Heft 1, Seiten 3–18. Verfügbar unter: Wiley Online Library / PubMed

Die Facharbeit untersucht grundlegend, wie tiefgreifend psychosoziale Umweltfaktoren und familiäre Belastungen die biologische Entwicklung des kindlichen Nervensystems formen.

[3] Mowlem, F., et al. (2019): Do total ADHD symptom counts and subtype diagnoses in a clinic-referred cohort differ by gender? Veröffentlicht in: BMC Psychiatry, Band 19, Artikelnummer 62. Verfügbar unter: PubMed / NCBI

Die Arbeit analysiert geschlechtsspezifische Unterschiede bei ADHS-Symptomen und zeigt auf, warum betroffene Frauen in der Kindheit häufiger übersehen werden.

[4] Brown, N. M., et al. (2017): Associations Between Adverse Childhood Experiences and ADHD Diagnosis and Severity. Veröffentlicht in: Academic Pediatrics, Band 17, Heft 4, Seiten 349–355. Verfügbar unter: PubMed / NCBI

Die Studie untersucht den direkten Zusammenhang zwischen belastenden Kindheitserfahrungen und der Ausprägung sowie Schwere von ADHS-Symptomen im Laufe der Entwicklung.

[5] Thapar, A., Cooper, M., Eyre, O., & Langley, K. (2013): Practitioner Review: What have we learnt about the causes of ADHD? Veröffentlicht in: Journal of Child Psychology and Psychiatry, Band 54, Heft 1, Seiten 3–16. Zu finden unter: PubMed / NCBI

Diese Übersichtsarbeit fasst den aktuellen Forschungsstand zu den Ursachen von ADHS zusammen und betont das untrennbare Zusammenwirken von Genetik und Umweltbedingungen.

[6] Lorenz-Spreen, P., et al. (2019): Accelerating dynamics of collective attention. Veröffentlicht in: Nature Communications. Direkt einsehbar unter: Nature Portfolio / PMC

Die Forschungsarbeit zeigt empirisch auf, wie die moderne Informationsflut und digitale Medien zu einer Beschleunigung und chronischen Überlastung der kollektiven Aufmerksamkeit beitragen.

[7] Faraone, S. V., & Larsson, H. (2019): Genetics of Attention Deficit Hyperactivity Disorder. Veröffentlicht in: Molecular Psychiatry. Direkt einsehbar unter: Nature Portfolio / PubMed

Die Arbeit bietet einen umfassenden Überblick über die genetischen Grundlagen und die biologische Erblichkeit von ADHS im aktuellen wissenschaftlichen Diskurs.

[8] Nigg, J. T. (2017): Annual Research Review: On the relations among self-regulation, executive functioning, effortful control, cognitive control, impulsivity, risk-taking, and inhibition for developmental psychopathology. Veröffentlicht in: Journal of Child Psychology and Psychiatry. Direkt abrufbar unter: PubMed / NCB

Die Facharbeit beleuchtet die neuropsychologische Entwicklung von Selbstregulationsmechanismen und deren Relevanz für das Verständnis von Entwicklungsstörungen.


Hinweis:

Die in diesem Blogartikel beschriebenen Inhalte dienen der allgemeinen Information über ADHS-Symptome im Erwachsenenalter. Sie ersetzen keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei Verdacht auf ADHS empfehlen wir, zunächst eine ärztliche Abklärung – auch möglicher körperlicher Ursachen – vornehmen zu lassen.

Über die Autoren dieses Artikels:

Thomas „Tom“ Wilhelm und Niritya Speicher-Wilhelm, beide Heilpraktiker für Psychotherapie in eigener Praxis in Saarbrücken und Mitglied im Verband freier Psychotherapeuten, Heilpraktiker für Psychotherapie und psychologischer Berater e.V.

Qualifikationen:

Beide haben eine vierjährige Ausbildung in Gesprächstherapie nach Carl Rogers, Gestalttherapie nach Fritz Perls und Transpersonaler Gestalttherapie bei Dr.rer.soc. Rajan Roth und Dipl.Ing. Deva Prem Kreidler-Roth in Köln und Stuttgart absolviert und praktizieren bereits seit einigen Jahren im Bereich psychischer Belastungen und in der psychotherapeutischen Begleitung neurodivergenter Erwachsener und der entsprechenden Störungsbilder wie z.B. ADHS.

Tom hat zudem Fortbildungen in Verhaltenstherapie und EMDR sowie eine Ausbildung in tiefenpsychologischer Hypnose, Niritya ist auch Meditationslehrerin.