Zum Inhalt springen

Die Kindheit ist vorbei. Der Alarm manchmal nicht.

  • von

Ein Blogbeitrag von Niritya & Tom, Heilpraktiker für Psychotherapie mit Praxis in Saarbrücken


Innere Kind Arbeit im Saarland - Niritya & Tom, Heilpraktiker für Psychotherapie in Saarbrücken, informieren in diesem Blogartikel über Zusammenhänge zwischen Kindheit und psychischen Problemen bei Erwachsenen.

Die ersten Lebensjahre prägen

Viele Menschen erleben im Erwachsenenalter Symptome, die schwer einzuordnen sind.

Angst ohne klaren Anlass. Erschöpfung, obwohl objektiv alles „funktioniert“. Beziehungen, die viel Energie kosten oder immer wieder an ähnlichen Punkten scheitern. Oft entsteht der Eindruck, man müsse sich nur mehr anstrengen, gelassener werden oder endlich „richtig“ reagieren.

Was dabei leicht übersehen wird: Das Nervensystem reagiert nicht nur auf das, was jetzt geschieht. Es reagiert auch auf Erfahrungen, die lange zurückliegen – aus einer Zeit, in der noch keine bewussten Entscheidungen möglich waren, der Kindheit.

Die ersten Lebensjahre prägen, wie Sicherheit, Nähe, Stress und emotionale Regulation erlebt werden. Diese Prägungen wirken nicht als Erinnerung, sondern als körperlich-emotionale Grundhaltung.

Sie bestimmen im Erwachsenenalter immer noch mit mit, wie stabil oder fragil das innere Gleichgewicht später ist – und sie beeinflussen, welche psychischen Symptome sich unter Belastung entwickeln.

So ganz ist die Kindheit für viele von uns also doch noch nicht vorbei.


Wenn das Nervensystem früh unter Spannung steht

Früher Stress muss nicht dramatisch oder offensichtlich gewesen sein. Es reicht, wenn emotionale Bedürfnisse in der Kindheit dauerhaft nicht ausreichend beantwortet wurden, wenn Bezugspersonen selbst überfordert, unberechenbar oder emotional nicht verfügbar waren.

Für ein kindliches Nervensystem bedeutet das: Wachsamkeit statt Entspannung.

Der Körper passt sich an diese Bedingungen an. Stresshormone werden schneller ausgeschüttet, das System bleibt auf Bereitschaft [1]. Diese Anpassung ist sinnvoll – sie hilft dem Kind, mit einer schwierigen Umwelt zurechtzukommen.

Problematisch wird sie erst später, wenn das Umfeld längst ein anderes ist, das Nervensystem aber weiterhin reagiert, als müsse es sich schützen.

Viele psychische Probleme lassen sich vor diesem Hintergrund verstehen: nicht als Defekt, sondern als langfristige Folge einer frühen Anpassung.


Angststörungen: Wenn Sicherheit in der Kindheit nie ganz erreicht wird

Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Erwachsenenalter. Dabei geht es nicht nur um konkrete Ängste, sondern oft um ein diffuses Gefühl innerer Bedrohung. Betroffene beschreiben eine dauerhafte Anspannung, Grübeln, körperliche Unruhe oder Panikattacken, die scheinbar ohne Anlass auftreten.

Aus neurobiologischer Sicht reagiert hier ein Nervensystem, das früh gelernt hat, Gefahren schnell zu erkennen. Die Schwelle für Stress ist niedrig, die Beruhigung dauert lange.

Situationen, die objektiv harmlos sind, werden in der Kindheit innerlich als riskant erlebt – etwa Konflikte, Trennungen, Nähe oder Kontrollverlust [2].

Die Angst ist dabei real, auch wenn sie nicht zur aktuellen Situation passt. Sie bezieht sich weniger auf das Jetzt als auf früh gespeicherte Erfahrungen von Unsicherheit.


Trennungsangst im Erwachsenenalter

Ein oft übersehenes Störungsbild ist die Trennungsangststörung im Erwachsenenalter. Sie zeigt sich in einer intensiven Angst, wichtige Menschen zu verlieren oder ohne sie nicht stabil zu sein. Schon eine Abwesenheit des anderen kann starke innere Unruhe, Katastrophengedanken oder körperliche Stressreaktionen auslösen [3].

Diese Angst ist nicht mit normaler Verlustangst gleichzusetzen. Sie wirkt übermäßig, schwer kontrollierbar und stark einschränkend. Beziehungen geraten dadurch unter Druck: Nähe wird dringend gebraucht, gleichzeitig aber abgesichert oder kontrolliert. So sind Konflikte in der Partnerschaft oft nur eine Frage der Zeit.

Viele Betroffene halten an Beziehungen fest, auch wenn sie ihnen schaden, weil der innere Stress bei Trennung kaum auszuhalten scheint.

Hier zeigt sich besonders deutlich, wie die in der Kindheit erlernten Regulationsmuster bis ins Erwachsenenleben hineinwirken.


Depression: Wenn innere Lebendigkeit verloren geht

Nicht jede belastete frühe Erfahrung führt zu Angst. Manche Menschen reagieren mit Rückzug, Erschöpfung und innerer Leere. Depressionen können mit früher emotionaler Vernachlässigung verbunden sein – mit dem Erleben, dass eigene Gefühle wenig Resonanz fanden oder Bedürfnisse keinen Raum hatten [4].

Betroffene beschreiben oft nicht nur Traurigkeit, sondern ein Gefühl von Schwere, Sinnlosigkeit oder innerem Abgeschnittensein. Freude stellt sich kaum ein, selbst positive Ereignisse wirken gedämpft. Das Nervensystem bleibt im Stressmodus, während die Fähigkeit zur Regeneration eingeschränkt ist.

Es handelt sich hier nicht um Schwäche, sondern um eine langfristige Anpassung: Gefühle werden bereits in der Kindheit gedämpft, um Überforderung zu vermeiden. Später fehlt dann oft der Zugang zu Lebendigkeit.


Burnout: Wenn Daueranspannung zur Erschöpfung wird

Auch Burnout lässt sich im Zusammenhang früher Kindheitserfahrungen und chronischer innerer Anspannung verstehen. Viele Betroffene berichten weniger von Überforderung durch einzelne Belastungen als von einem langfristigen Zustand innerer Pflicht, Wachsamkeit oder Anpassung.

Das Nervensystem bleibt über Jahre hinweg aktiviert, oft begleitet von dem Gefühl, funktionieren zu müssen oder nicht ausfallen zu dürfen.

Burnout entsteht dann nicht plötzlich, sondern schleichend. Er zeigt sich in emotionaler Erschöpfung, innerer Leere, Zynismus oder dem Verlust von Sinn und Motivation. Häufig geht dem eine lange Phase voraus, in der eigene Grenzen kaum wahrgenommen oder ernst genommen wurden [5].

Auch hier ist Erschöpfung kein Zeichen von Schwäche, sondern das Ergebnis eines Systems, das zu lange über seine Belastungsgrenzen hinaus gearbeitet hat.


Persönlichkeitsnahe Störungen: Wenn Kindheitsmuster chronisch werden

Bei langanhaltenden, frühen Belastungen können sich stabile, problematische Muster im Erleben und Verhalten entwickeln. Diese werden in der Psychologie als Persönlichkeitsstörungen oder -akzentuierungen beschrieben.

Besonders gut untersucht ist der Zusammenhang zwischen in der Kindheit erlittenen Beziehungstraumata und der Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Typisch sind starke emotionale Schwankungen, intensive Angst vor dem Verlassenwerden und instabile Beziehungen. Aber auch vermeidende oder abhängige Muster lassen sich häufig auf frühe Erfahrungen von Unsicherheit oder Überforderung zurückführen.

Diese Muster sind keine bewussten Entscheidungen. Sie sind Versuche des Nervensystems, mit Nähe, Stress und Emotionen umzugehen – Strategien, die früher notwendig waren und später oft zu eng werden.


Entwicklungstrauma: Das Trauma ohne „großes Ereignis“

Der Begriff Trauma wird oft mit einzelnen extremen Ereignissen verbunden. Doch viele Menschen erleben sogenannte Entwicklungstraumata: wiederholte, weniger spektakuläre Belastungen, die über Jahre wirken.

Dazu gehören emotionale Kälte, ständige Kritik, mangelnde Sicherheit oder das Gefühl, mit den eigenen Bedürfnissen allein zu sein [6].

Die Folgen zeigen sich häufig indirekt: Konzentrationsprobleme, emotionale Abflachung, Dissoziation, manchmal auch eine Symptomatik, die an ADHS im Erwachsenenalter erinnert.

Oder es kommt zu körperlichen Symptomen wie chronischen Schmerzen, Magen-Darm-Beschwerden oder Erschöpfung: Der Körper übernimmt hier die Verarbeitung dessen, was emotional nicht gehalten werden konnte [7].


Das Körpergedächtnis

Hinter diesen körperlichen Beschwerden steht in diesem Zusammenhang oft das, was die Forschung als implizites Körpergedächtnis bezeichnet [8].

Anders als unser Kopf, der Erinnerungen in klaren Bildern abspeichert, konserviert der Körper die Vergangenheit als körperliche Gewohnheit und Veranlagung.

Chronische emotionale Not und das frühe Erleben von Unsicherheit werden so mit der Zeit zu einem festen Teil der körperlichen Struktur – sie sedimentieren, also lagern sich ab, im Nervensystem und im Gewebe. Wenn im Erwachsenenleben eine Situation an dieses alte Gefühl rührt, wird die Vergangenheit nicht als Gedanke abgerufen, sondern vom Körper im Hier und Jetzt reinszeniert.

Das System reagiert mit unbewusster Abwehr, Kontraktion oder Erschöpfung, noch bevor der Verstand die Situation überhaupt sprachlich einordnen kann.


Sucht als Selbstregulation

Auch Suchterkrankungen stehen oft im Zusammenhang mit Kindheitsbelastungen. Alkohol, Drogen, Essen, Arbeit oder digitale Medien dienen nicht selten dazu, innere Zustände zu regulieren: Spannung zu dämpfen, Leere zu füllen oder Kontrolle herzustellen.

Die Sucht ersetzt dabei nicht selten das, was früh gefehlt hat: Beruhigung, Verlässlichkeit, Regulation [9]. Das erklärt, warum reine Verhaltensänderung oft nicht ausreicht, wenn die zugrunde liegende innere Spannung bestehen bleibt.


Worum es in unserer therapeutischen Arbeit oft geht

In unserer therapeutischen Arbeit begegnen uns viele Menschen, die bereits lange mit ihren Symptomen leben und oft sehr genau spüren, dass etwas nicht stimmt – ohne es einordnen zu können.

Hier geht es im Gespräch zunächst darum, die Zusammenhänge mit Kindheitserfahrungen zu verstehen: wie frühe Erfahrungen das Nervensystem prägen, warum bestimmte Reaktionen heute so schnell einsetzen und weshalb sich Nähe, Stress oder Trennung oft unverhältnismäßig anfühlen.

Psychoedukation, das Erklären der Zusammenhänge, spielt hier eine wichtige Rolle. Ziel ist, Symptome nicht länger als persönliches Versagen zu erleben, sondern als nachvollziehbare Reaktionen auf frühe Bedingungen.

Gleichzeitig zeigt sich in der praktischen Arbeit, dass das rationale Verstehen allein meist nicht ausreicht. Viele der belastenden Reaktionen gehören zu inneren Anteilen, die sehr früh gelernt haben, wachsam zu sein, sich anzupassen oder zurückzuziehen. Diese Anteile reagieren schneller, als bewusste Einsicht greifen kann.

In der therapeutischen Beziehung können sie erstmals wahrgenommen werden, ohne sofort funktionieren oder kontrolliert werden zu müssen.

Wir erleben häufig, dass die Kombination aus Einordnen und Erleben entscheidend ist. Wenn innere Vorgänge benennbar werden und gleichzeitig neue Erfahrungen von Verlässlichkeit, Resonanz und emotionaler Stabilität möglich sind, beginnt das Nervensystem, sich neu zu orientieren.

Hier kommen in unserer methodenintegrativen Arbeit zum Beispiel auch die Gestalttherapie nach Fritz Perls oder die hypnosbasierte TBIT sowie achtsamkeits- und körperorientierte, kognitive und emotionsfokussierte Ansätze ins Spiel.

Und auch eine Arbeit mit dem Inneren Kind bietet sich in vielen Fällen an: Das Ziel dieses psychotherapeutischen Ansatzes ist es, frühe Reaktionsweisen ins heutige Erleben zu holen – dorthin, wo neue Bedingungen, mehr Wahlmöglichkeiten und mehr innere Ressourcen zur Verfügung stehen.

In unserem gemeinsamen therapeutischen Prozess geht es damit häufig um eine Art Nachreifen, mit dem Ziel, dass Persönlichkeitsanteile, die in alten Schutzmustern gebunden waren, sich sicher und stabil im Hier & Jetzt verankern können.

Herzlich, Niritya und Tom


Quellenverzeichnis / Wissenschaftliche Studien

[1] McEwen, B. S. (2007): Physiology and neurobiology of stress and adaptation: central role of the brain. Veröffentlicht in Physiological Reviews. Verfügbar unter: PubMed / NCBI

[2] Bandelow, B., et al. (2002): Early traumatic life events, parental attitudes, family history, and birth risk factors in patients with panic disorder. Veröffentlicht in Comprehensive Psychiatry. Verfügbar unter: PubMed / NCBI

[3] Silove, D., et al. (2010): Adult separation anxiety disorder: a disorder comes of age. Veröffentlicht in Current Psychiatry Reports. Verfügbar unter: PubMed / NCBI

[4] Cuijpers, P., et al. (2010): Psychotherapy for chronic major depression and dysthymia: a meta-analysis. Veröffentlicht in Clinical Psychology Review. Verfügbar unter: PubMed / NCBI

[5] Sirois, F. M., & Pychyl, T. A. (2013): Procrastination and the priority of short-term mood regulation: Consequences for future self. Veröffentlicht in Social and Personality Psychology Compass. Verfügbar unter: White Rose Research

[6] Teicher, M. H., & Samson, J. A. (2016): Annual Research Review: Enduring neurobiological effects of childhood abuse and neglect. Veröffentlicht in Journal of Child Psychology and Psychiatry. Verfügbar unter: PubMed / NCBI

[7] D’Andrea, W., et al. (2012): Physical health problems after trauma: the role of trauma type, chronic stress, and emotional numbness. Veröffentlicht in Journal of Traumatic Stress. Verfügbar unter: ResearchGate

[8] Fuchs, T. (2012): The phenomenology of body memory. Veröffentlicht in: Medical Humanities. Verfügbar unter: Klinikum Uni Heidelberg

[9] Khantzian, E. J. (1997): The self-medication hypothesis of substance use disorders: A reconsideration and recent applications. Veröffentlicht in Harvard Review of Psychiatry. Verfügbar unter: PubMed / NCBI


Über die Autoren dieses Artikels:

Tom Wilhelm und Niritya Speicher-Wilhelm, beide Heilpraktiker für Psychotherapie in eigener Praxis in Saarbrücken und Mitglied im Verband freier Psychotherapeuten, Heilpraktiker für Psychotherapie und psychologischer Berater e.V.

Qualifikationen:

Beide haben eine Ausbildung in Gesprächstherapie nach Carl Rogers, Gestalttherapie nach Fritz Perls (incl. Innere Kind Arbeit) und Transpersonaler Gestalttherapie bei Dr. rer. soc. Rajan Roth und Dipl.-Ing. Deva Prem Kreidler-Roth (Köln und Stuttgart) absolviert und praktizieren bereits seit einigen Jahren im Bereich psychischer Belastungen, speziell auch in der psychotherapeutischen Begleitung von Erwachsenen, die problematische Kindheitserfahrungen gemacht haben.

Tom hat zudem Fortbildungen in Verhaltenstherapie und dem traumasensiblen EMDR sowie eine Ausbildung in tiefenpsychologischer Hypnose, Niritya ist auch zertifizierte Meditationslehrerin.