Ein Blogbeitrag von Niritya & Tom, Heilpraktiker für Psychotherapie mit Praxis in Saarbrücken

Fühlen Frauen tatsächlich anders als Männer? Und wo der wahre Unterschied liegt.
– „Du machst immer sofort dicht, wenn es um Emotionen geht.“
– „Ich mach doch gar nicht dicht. Ich weiß gerade nur einfach überhaupt nicht, was ich dazu sagen soll.“
Sätze wie diese gehören zum Standardrepertoire von Beziehungsstreits – und sind darüber hinaus Dauergast in den alltäglichen Gesprächen über die Themen „Gefühle“ oder „Mann und Frau“.
Sie spiegeln ein tief verwurzeltes Klischee wider: Frauen seien das „emotionale“ Geschlecht, empathisch, feinfühlig und nah am Wasser gebaut.
Männer hingegen werden da eher als das „rationale“ Geschlecht eingeschätzt, als kontrolliert, pragmatisch und bisweilen emotional kühl.
Die meisten von uns würden die Frage, ob Frauen mehr Gefühle haben als Männer, wahrscheinlich aus dem Bauch heraus mit einem klaren „Ja“ beantworten.
Ein Wort vorneweg:
Wenn wir hier von „Männern“ und „Frauen“ sprechen, dann nutzen wir diese Begriffe als Orientierung, weil sie in unseren Köpfen präsent sind.
Wir wissen aber auch: Die Realität ist weitaus differenzierter. Es gibt Männer, die tiefer fühlen als viele Frauen, und Frauen, die ihre Gefühle genauso pragmatisch sortieren wie viele Männer.
Und es gibt Menschen, die sich in diesen klassischen Kategorien wiederfinden, und andere, die sich – wie Jan Böhmermann es so nett formuliert – irgendwo „dazwischen oder außerhalb“ dieses Spektrums verorten – und jeder Mensch ist ohnehin ein Unikat mit einer ganz eigenen emotionalen Biografie [1].
Wir wissen jedoch aus unserer Praxis, dass diese Frage viele Menschen beschäftigt – nicht zuletzt, weil sie ganz tief in unserer gesellschaftlich geprägten Erwartungshaltung an Geschlechter verwurzelt ist und im Alltag einfach immer wieder handfeste Konflikte in Paaren auslöst.
Ein Blick hinter die Kulissen
Frauen wird im Alltag im Allgemeinen eine größere emotionale Offenheit zugeschrieben.
Bei ihnen gilt es als gesellschaftlich akzeptierter, über Belastungen zu sprechen oder Verletzlichkeit zu zeigen – was dann schnell den Eindruck erweckt, da wäre schlichtweg „mehr Gefühl“ im Spiel.
Aber stimmt das wirklich? Sind Frauen tatsächlich anders verdrahtet als Männer?
Die moderne Psychologie und die aktuelle Hirnforschung zeigen ein anderes Bild: Was im Alltag wie emotionale Distanz wirkt, hat einige handfeste biologische und biografische Ursachen.
Ein Blick hinter diese Fassade zeigt: Die Art und Weise, wie wir fühlen, verbindet uns weit mehr, als es den Anschein hat.
1. Was wir fühlen und was wir zeigen
Um dem Rätsel auf die Spur zu kommen, müssen wir zuerst einen wichtigen Unterschied machen: Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob wir ein Gefühl in uns spüren oder ob wir es nach außen hin sichtbar machen.
Wenn wir uns den Alltag anschauen, fällt auf, dass Frauen ihre Emotionen im Durchschnitt schlicht lebhafter und offener zeigen: Ob es Traurigkeit ist, Mitgefühl, Angst oder ein Moment der Verletzlichkeit – das Gesicht, die Stimme und die Gestik sprechen oft eine klare Sprache [2].
Männer haben dagegen über Generationen hinweg gelernt, genau diese Regungen zu kontrollieren, zu dimmen oder ganz für sich zu behalten.
Ein Klient in unserer Praxis äußerte dazu im Gespräch auch tatsächlich, dass da „gefühlsmäßig in mir irgendwie viel, viel weniger passiert als in meiner Frau“.
Doch die moderne Hirnforschung zeigt ein anderes Bild: Wenn man die Aktivität im emotionalen Zentrum unseres Gehirns misst, während wir bewegende Momente erleben, schlägt das System bei Männern und Frauen in etwa gleich stark aus [3].
Der eigentliche Unterschied liegt also nicht im Fühlen selbst, sondern in der gefühlten Erlaubnis, es zu zeigen.
2. Wenn Gefühle eine Maske tragen
Wenn Emotionen keinen Raum bekommen, lösen sie sich nicht einfach in Luft auf. Sie suchen sich ein Ventil, verändern ihr Gesicht und kommen dort an die Oberfläche, wo wir sie oft gar nicht vermuten.
Während Frauen emotionale Überforderung eher aussprechen oder durch Tränen Erleichterung finden, tragen viele Männer im Alltag eher mal eine Maske:
Die klassischen „weichen“ Gefühle werden in unserem patriarchal geprägten Rollenverständnis von vielen unserer Zeitgenoss:innen interessanterweise immer noch als Schwäche verortet.
Deshalb äußert sich innerer Druck bei Männern häufig über diese emotionalen Umwege:
- Der Körper drückt die Emotionen aus: Das kann sich zum Beispiel in chronischen Nackenschmerzen, diffusen Magenbeschwerden, Schlafstörungen oder einem permanenten, unerklärlichen Druck auf der Brust zeigen. Lies dazu auch gerne auf unserer Praxisseite zur Psychosomatik weiter.
- Der Rückzug in die Aktivität: Um den inneren Zustand nicht spüren zu müssen, flüchten sich viele Männer in exzessive Arbeit, extremen Sport oder igeln sich völlig zu Hause ein. Auch der Griff zum abendlichen Bier, um das System künstlich „herunterzufahren“, gehört häufig dazu.
- Gereiztheit statt Traurigkeit: Da sich Hilflosigkeit oder Angst für viele Männer schwer aushalten lassen, verwandeln sich diese Gefühle blitzschnell in Ärger oder Reizbarkeit. Wut fühlt sich im ersten Moment mächtiger an als pure Ohnmacht. Wenn dieser Zustand anhält, findest Du hierzu weiterführende Informationen auf unserer Praxisseite zum Thema Depression sowie in unserem Blogbeitrag über Dysthymie.
In unserer Saarbrücker Praxis erleben wir, dass sich dieses Phänomen ganz individuell – und zudem geschlechterübergreifend – äußert und sich kaum über einen Kamm scheren lässt.
Das zeigt sich ganz unterschiedlich: Der eine Mensch wirkt wie eingefroren, berichtet sachlich über schwerste Belastungen und funktioniert einfach weiter.
Die andere Person spürt eine nervöse, körperliche Getriebenheit oder eine tiefe, bleierne Erschöpfung, die jegliche Lebensfreude im Alltag blockiert.
Wichtig ist immer: Es gibt hier kein festes Muster oder sowas wie eine Schablone.
3. Jungen, Mädchen und der Preis der Rollenbilder
Niemand kommt auf die Welt und weiß bereits, wie ein „echter Mann“ oder eine „echte Frau“ zu fühlen hat.
Diese Anleitung wird uns in den ersten Lebensjahren ganz subtil und oft völlig unbewusst von unseren Eltern und unserer Umwelt vermittelt [4].
Die Prägung der Jungen
Schon im Sandkasten hören Jungen Sätze, die tief sitzen: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“, „Stell dich nicht so an“ oder „Reiß dich zusammen“. Das Fatale: Auch heute scheint diese „Tradition“ weiter Bestand zu haben.
Jungen erfahren extrem früh, dass Tränen, Angst oder das Bedürfnis nach Trost mit Spott, Scham oder dem Verlust von Anerkennung bestraft werden können. Um dazuzugehören, lernen sie, den Stecker zu ihrer eigenen Gefühlswelt zu ziehen.
Wer das aber über Jahrzehnte hinweg perfektioniert, verlernt mit der Zeit schlicht, die Signale des eigenen Körpers überhaupt noch wahrzunehmen.
Die Prägung der Mädchen
Bei Mädchen sieht die emotionale Landschaft oft ganz anders aus.
Ihnen wird gesellschaftlich von klein auf viel mehr Raum für Gefühle zugestanden. Sie werden ermutigt, über Konflikte zu sprechen, Nähe zu suchen und Verletzlichkeit zu zeigen [5].
Doch das hat auch eine Kehrseite: Oft wachsen Mädchen mit der unausgesprochenen Erwartung auf, für die gute Stimmung und das emotionale Wohlbefinden im Raum verantwortlich zu sein [6].
Das sorgt im Erwachsenenalter zwar für ein großes Gefühlsvokabular, führt aber auch viel schneller zu psychischer Erschöpfung, weil man glaubt, die emotionalen Lasten der anderen mittragen zu müssen.
4. Wenn die Worte für das Innere fehlen
Ein weiterer wesentlicher Grund, warum Frauen im Alltag oft „emotionaler“ wirken, ist schlicht eine in der Regel höhere Sprachkompetenz bei Gefühlen.
Mädchen entwickeln im Durchschnitt nachweislich früher und präziser ein Vokabular für das, was in ihnen vorgeht [7].
Sie können messerscharf unterscheiden, ob sie gerade enttäuscht, gekränkt, wehmütig oder schlicht einsam sind. Fehlt uns diese Sprache, stehen wir unserer eigenen Innenwelt hilflos gegenüber.
Wenn ein Mann in einem Gespräch sagt: „Ich weiß überhaupt nicht, was ich gerade fühle, lass mich in Ruhe“, dann ist das in den seltensten Fällen eine böswillige Blockade oder eine Ausrede. Es ist vielleicht einfach nur ein ehrlicher Ausdruck seiner erlernten Sprachlosigkeit.
Vielleicht spürt er, dass da etwas ist, aber ihm fehlen womöglich die Werkzeuge, das Erleben in Worte zu fassen.
Wie eng unsere Fähigkeit zu fühlen mit diesem erlernten Handwerkszeug verknüpft ist, lässt sich sogar wissenschaftlich benennen:
EXKURS: Gefühlsblindheit (Alexithymie)
In der Psychologie wird diese Sprachlosigkeit als Alexithymie bezeichnet. Es ist keine Krankheit, sondern ein erlerntes Persönlichkeitsmerkmal – das Resultat einer Sozialisation, in der das Benennen von Gefühlen nicht gefördert wurde.
Fokus auf das Machbare: Da der direkte Draht zum eigenen Innenleben weniger geübt ist, liegt der Fokus im Alltag häufig auf pragmatischen, sachlichen Lösungen und der Außenwelt.
Gefühle ohne „Übersetzung“: Betroffene sind keineswegs gefühllos. Sie erleben Freude oder Trauer genauso intensiv wie andere, verfügen jedoch nicht über die gelernten Begriffe, um diese inneren Regungen in Worte zu fassen.
Körper als Resonanzboden: Wenn das Vokabular für das Innere fehlt, findet das Empfinden oft einen anderen Weg: Es zeigt sich direkt im Körper – etwa als Verspannung, Magenreaktion oder ein Gefühl innerer Unruhe.
5. Das Mitfühlen: Was die Forschung zur Empathie sagt
Ein weiterer hartnäckiger Mythos besagt, dass Frauen von Natur aus die weitaus empathischeren Wesen seien.
Schaut man sich die psychologische Forschung dazu genauer an, wird es jedoch hochinteressant, denn: Empathie hat zwei verschiedene Gesichter.
Auf der gedanklichen Ebene sind Frauen im Durchschnitt tatsächlich oft schneller: Sie können die Mimik, die Absichten und die Gefühlslage eines Gegenübers meist rascher deuten und intellektuell einordnen [8].
Betrachtet man aber die rein biologische, körperliche Fähigkeit zum Mitfühlen – also die Frage, wie sehr uns der Schmerz oder die Freude eines anderen Menschen im eigenen Nervensystem berührt –, schrumpfen die Unterschiede zwischen den Geschlechtern erheblich.
Männer fühlen nämlich ähnlich intensiv mit wie Frauen.
Wie genau diese emotionale Resonanz auf biologischer und psychologischer Ebene im Gehirn gesteuert wird, erfährst du übrigens in unserem Artikel: „Spiegelneuronen – warum ich fühle, was du fühlst„.
Während viele Frauen gelernt haben, ihr Mitgefühl in tröstende Worte oder ein unterstützendes „Da bleiben“ zu übersetzen, behalten Männer es oft stumm in ihrem Inneren.
6. Wie der Körper Gefühle übersetzt
Für manchen von uns mag das überraschend sein, aber:
Emotionen erscheinen nicht als mehr oder weniger fertige Gedankenkonstrukte im Gehirn, sondern basieren in den meisten Fällen auf den unmittelbaren Signalen unseres Körpers.
Ein flauer Magen, ein rasender Puls, ein enger Hals oder eine plötzliche Hitze im Gesicht – das alles sind die Bausteine einer Emotion.
Unser Gehirn arbeitet wie eine Art „Übersetzungsmaschine“, die versucht, diesen körpereigenen Alarm permanent zu deuten [9].
Wie gut uns diese Übersetzung gelingt, hängt massiv von unserer Erfahrung ab.
In Konfliktsituationen führt das bei Paaren oft zu zwei völlig unterschiedlichen Mustern:
- Das direkte Aussprechen: Wer gelernt hat, achtsam mit sich umzugehen, übersetzt eine körperliche Unruhe oft in Sekundenschnelle in Sprache. Aus einem Druck im Bauch wird die Erkenntnis: „Ich fühle mich gerade nicht wertgeschätzt und das macht mich traurig.“ Das Gefühl bekommt einen Namen, wird dadurch greifbar und kann geteilt werden.
- Die innere Blockade: Wer gelernt hat, Gefühle eher wegzudrücken, bei dem meldet das System zwar denselben körperlichen Alarm, das Gehirn hat jedoch Schwierigkeiten mit der Übersetzung. Das Gefühl wird dann eben nicht als Trauer oder Angst erkannt, sondern bleibt zum Beispiel als ein diffuser und bedrohlicher Druck stecken.
Wenn ein Partner in einem Beziehungsstreit scheinbar eiskalt, extrem rational oder völlig sprachlos wird, ist das manchmal gar kein Desinteresse oder eine nicht (mehr) vorhandene Liebe.
Bei vielen der Betroffenen ist es in dem Moment vielleicht mehr ein Zustand von „Gefühls-Überflutung“, wie es einmal einer unserer Klienten benannt hat: Er schilderte, dass sein Gehirn in solchen Situationen auf so etwas umschaltete „wie ein Notfallprogramm“, nur um irgendwie einen Rest Fassung zu bewahren.
7. Warum wir so oft aneinander vorbeireden: die Paardynamik
Aus dieser unterschiedlichen Prägung heraus kann in Beziehungen eine Dynamik entstehen, die viel Kraft kosten kann.
Frauen erleben Männer in Konflikten oft als eine unnahbare, verschlossene Wand. Sie versuchen dann, durch noch mehr Reden und noch mehr emotionalen Druck eine Reaktion zu erzwingen.
Viele Männer wiederum erleben sich in diesen Momenten fast schon als „Gejagte“.
Sie fühlen sich innerlich fast schon gelähmt, vom emotionalen Tempo des Partners überfordert und flüchten sich in eine der Verteidigungen, die sie gelernt haben: Sachlichkeit, Logik oder den vollständigen Rückzug.
Das Fatale daran ist: Beide Seiten meinen es eigentlich gut.
Die Frau kämpft um die Verbindung und den emotionalen Kontakt; der Mann versucht, durch rationale Ruhe die Situation zu deeskalieren und die Kontrolle zu behalten.
Am Ende bleibt dann aber häufig das Gefühl zurück, unverstanden zu sein und allein gelassen zu werden – ein Zustand, der für beide Seiten zutiefst frustrierend ist.
8. Wenn das System überlastet: Die unsichtbaren Grenzen der Rationalität
Unabhängig von der Beziehungsdynamik: Wer gelernt hat, die eigenen Bedürfnisse im Hintergrund zu lassen, belastet damit auf Dauer oftmals seine psychische Stabilität.
Das Unterdrücken innerer Regungen ist nämlich nicht bloß ein partnerschaftliches Problem, sondern kann zu einer grundlegenden Belastungsprobe für unseren Organismus werden.
Das bedeutet aber nicht, dass sich daraus zwangsläufig eine psychische Erkrankung entwickelt.
Dennoch erleben wir in unserer Praxis immer wieder, dass diejenigen unserer Klienten, die ihre Bedürfnisse und Emotionen dauerhaft hinter Pflichten und Funktionsfähigkeit zurückstellen, auf Dauer in eine tiefe Erschöpfung geraten können.
Ein solches Muster kann sich in einigen Fällen zu etwas zuspitzen, was in der Umgangssprache als eine „hochfunktionale Depression“ bezeichnet wird – auch wenn dies keinerlei offizielle klinische Diagnose ist.
Der Begriff beschreibt aber unserer Meinung nach recht gut einen in der Realität oft zu findenden Zustand, in dem die Betroffenen trotz innerer Erschöpfung im Alltag scheinbar problemlos funktionieren, während die Last im Hintergrund stetig wächst.
Zu diesem Themenbereich findest Du mehr Informationen in unserem Blogbeitrag: „Hochfunktionale Depression: Wenn Leistung zur Fassade wird„.
Begleitend finden sich in unserer praktischen Arbeit aber auch immer wieder körperliche Symptome – von diffusen Schmerzen über chronische Anspannung bis hin zu einer dauerhaften Reizbarkeit [10].
Mehr darüber findest Du in unserem Blogbeitrag zu psychosomatischen Beschwerden.
Das Aufrechterhalten dieser Leistungsfassade ist in solchen Momenten ja auch nicht wirklich ein Zeichen von Stärke, sondern ein starrer, wenn auch funktionierender Schutzwall gegen die eigene, tief sitzende Erschöpfung.
Wer diesen Zustand dauerhaft beibehält und die Warnsignale des Körpers ignoriert, riskiert nicht selten, dass das System irgendwann komplett kollabiert.
Die Folge ist oft ein Burnout-Syndrom – oder der Versuch, das permanent überreizte Nervensystem durch schädliche Verhaltensweisen wie regelmäßigen Alkoholkonsum künstlich zu betäuben [11].
In dem Zusammenhang steht auch unsere Praxisseite zum Thema Burnout.
Die gute Nachricht: So wie wir gelernt haben, uns taub zu stellen, können wir auch lernen, wieder hinzuhören.
Es ist nie zu spät, sich das eigene Gefühlsvokabular – z.B. in einer Psychotherapie oder einer psychologischen Begleitung – Zeile für Zeile zurückzuerobern, den Signalen des Körpers wieder zu vertrauen.
Und klar: Natürlich ist das ein Umlernen, das zunächst mal Mut erfordert.
9. Unser Fazit: Abschied vom alten Klischee
Dass Frauen mehr fühlen als Männer – das ist ein Bild, das uns oft begegnet, sich psychologisch betrachtet aber so nicht halten lässt.
Die Unterschiede, die uns im Alltag so oft verzweifeln lassen, sind oft das Produkt unserer unterschiedlichen Lebensgeschichten.
Häufig sind sie das Ergebnis einer Erziehung, die uns vorschreibt, was „erlaubt“ ist, einer Sprache, die uns Werkzeuge schenkt oder eben nicht, und eines Gehirns, das gelernt hat, Körpersignale zum Beispiel entweder in feinste Nuancen zu übersetzen oder sie als dumpfen Druck abzuspeichern.
Für unser Zusammenleben bedeutet diese Erkenntnis aber doch eine enorme Entlastung, oder?
Wenn wir aufhören, das Verhalten des anderen durch die Brille starrer, oft patriarchal geprägter Klischees zu bewerten, können wir vielleicht ein echtes Verständnis füreinander entwickeln.
Der auf den ersten Blick „gefühllose“ Mann ist nämlich vielleicht nur ein Mensch, der im Inneren mit einer befürchteten Überschwemmung durch Emotionen kämpft – und händeringend nach den Worten dafür und einem Umgang damit sucht.
Und die vermeintlich „überdramatische“ Frau hat womöglich in ihrer Kindheit schon gelernt, sämtliche emotionale Belastungen ihres Umfelds zu tragen – und glaubt, das immer noch tun zu müssen.
Am Ende fühlen wir eben doch alle ziemlich ähnlich – wir haben nur ganz unterschiedliche Wege erlernt oder für uns gefunden, damit umzugehen.
Und wenn Du gerne mal bei Dir selbst zu diesem Thema hinschauen möchtest: Wir freuen uns auf Deine Kontaktaufnahme.
Herzlich, Niritya und Tom
Quellen & Studien
- [1] Fischer, A. H., & Manstead, A. S. R. (2000): The relation between gender and emotions in different cultures. – Untersuchung über den weltweiten, geschlechtsspezifischen Gefühlsausdruck. Verfügbar unter: ResearchGate
- [2] Christov-Moore, L. et al. (2014): Empathy: Gender effects in brain and behavior. – Neurowissenschaftliche Studie zur biologischen Gleichheit bei Mitgefühl. Verfügbar unter: PubMed / NCBI
- [3] Hyde, J. S. (2005): The Gender Similarities Hypothesis. – Meta-Analyse zur weitreichenden psychologischen Ähnlichkeit der Geschlechter. Verfügbar unter: American Psychological Association (APA)
- [4] Chaplin, T. M. (2015): Gender and Emotion Expression: A Developmental Contextual Perspective. – Untersuchung zur frühkindlichen Prägung des Gefühlsausdrucks. Verfügbar unter: PubMed Central (PMC) / NCBI
- [5] Brody, L. R., & Hall, J. A. (2008): Gender and Emotion in Context. – Über den Einfluss der Sprachentwicklung auf das emotionale Verhalten. Verfügbar unter: SCIRP Reference
- [6] Gilligan, C. (1982): In a Different Voice. – Grundlagenwerk über weibliche Rollenbilder und Beziehungsverantwortung. Verfügbar unter: ResearchGate
- [7] Brody, L. R., & Hall, J. A. (2008): Gender and Emotion in Context. Verfügbar unter: SCIRP Reference
- [8] Baron-Cohen, S. et al. (2015): The Reading the Mind in the Eyes Test. – Studie der University of Cambridge zum kognitiven Erkennen von Emotionen. Verfügbar unter: PubMed Central (PMC) / NCBI
- [9] Barrett, L. F. (2017): How Emotions Are Made: The Secret Life of the Brain. – Grundlagenwerk darüber, wie das Gehirn Körpersignale in bewusste Gefühle übersetzt. Verfügbar unter: WordPress (PDF)
- [10] Luminet, O. et al. (2018): Alexithymia: Advances in Research, Theory, and Clinical Practice. – Clinical Review zu den psychosomatischen und psychosozialen Folgen von Gefühlsblindheit. Verfügbar unter: ResearchGate
- [11] Möller-Leimkühler, A. M. (2002): Barriers to help-seeking by men: a review of sociocultural and clinical factors. – Untersuchung zu verdeckten depressiven Symptomen, Bewältigungsstrategien und dem Umgang mit psychischen Belastungen. Verfügbar unter: PubMed / NCBI
Hinweis:
Dieser Blogartikel ersetzt keine psychotherapeutische oder medizinische Diagnose. Wenn Du Dich über längere Zeit emotional erschöpft, innerlich leer oder dauerhaft überfordert fühlst, kann professionelle Unterstützung sinnvoll sein.
In akuten Krisen oder bei Suizidgedanken erhältst Du rund um die Uhr kostenlose Hilfe bei der TelefonSeelsorge unter 0800/1110111 oder 0800/1110222. Weitere Informationen findest Du bei der TelefonSeelsorge Deutschland.
Über die Autoren dieses Artikels:
Niritya Speicher-Wilhelm und Thomas „Tom“ Wilhelm sind beide Heilpraktiker für Psychotherapie in eigener Praxis in Saarbrücken und Mitglied im Verband freier Psychotherapeuten, Heilpraktiker für Psychotherapie und psychologischer Berater VFP e.V.
Qualifikationen:
Beide haben eine vierjährige Ausbildung in Gesprächstherapie nach Carl Rogers, Gestalttherapie nach Fritz Perls und Transpersonaler Gestalttherapie bei Dr.rer.soc. Rajan Roth und Dipl.Ing. Deva Prem Kreidler-Roth in Köln und Stuttgart absolviert und praktizieren bereits seit einigen Jahren im Bereich psychischer Belastungen und deren therapeutischer Begleitung, insbesondere auch in der Arbeit mit den unterschiedlichen Dynamiken im emotionalen Erleben von Menschen.
Tom hat zudem Fortbildungen in Verhaltenstherapie und EMDR sowie eine Ausbildung in tiefenpsychologischer Hypnose, Niritya ist auch Meditationslehrerin.