Ein Blogbeitrag von Niritya & Tom, Heilpraktiker für Psychotherapie mit Praxis in Saarbrücken

Gähnen, Lachen, Fühlen: Unser empathischer Autopilot
Gähnen ist ansteckend.
Das ist vermutlich eines der wenigen wissenschaftlichen Phänomene, das wirklich jeder Mensch schonmal am eigenen Leib erfahren hat.
Oft reicht es völlig aus, eine Person im Bus oder im Meeting gähnen zu sehen – und nur wenige Sekunden später reagiert das eigene System mit demselben Reflex, obwohl man sich vorher eigentlich gar nicht müde gefühlt hat. [1]
Diese erstmal selbstverständliche und oft erlebte Alltagsbeobachtung ist aber tatsächlich das sichtbare Endergebnis eines hochkomplexen Prozesses in unserem Kopf.
Unter anderem durch unsere Spiegelneuronen reagieren wir nämlich permanent aufeinander, und das in einer Geschwindigkeit, die unser Bewusstsein und unser rationales Denken schlichtweg überholt.
Jede flüchtige Stimmung überträgt sich im Handumdrehen von Mensch zu Mensch – sei es ein Lachen, plötzliche Nervosität oder eine gedrückte Atmosphäre.
Unser Gehirn scannt im Hintergrund ununterbrochen Körpersprache, Mimik und Tonlagen.
Es fängt die Gefühle der anderen ein, noch bevor unser Verstand überhaupt begreift, was passiert ist – und steuert uns damit oft viel schneller und viel tiefer, als uns überhaupt bewusst ist – und das bei Frauen und Männern in etwa gleichermaßen.
Die Entdeckung der neuronalen Spiegel
In den 1990er-Jahren stieß ein italienisches Forscherteam um Giacomo Rizzolatti bei der Untersuchung von Primaten auf eine wissenschaftliche Sensation – und das völlig unverhofft. [2]
Die Forscher stellten überrascht fest, dass bestimmte Nervenzellen nicht nur dann aktiv wurden, wenn das Tier selbst nach einer Nuss griff.
Dieselben Zellen feuerten auch dann hochgradig, wenn der Affe völlig stillsaß und lediglich beobachtete, wie ein menschlicher Laborant nach der Nuss griff. Das Gehirn des Tieres simulierte die fremde Handlung so im eigenen System, als würde es sie selbst ausführen.
Die Entdeckung dieser „Spiegelneuronen“ schlug eine Brücke für ein völlig neues Verständnis von Mitgefühl und Verbundenheit – und für eine neuronale Architektur, die wir Menschen mit Affen, Hunden, Walen, Schweinen und unzähligen anderen fühlenden Wesen teilen.
Die evolutionäre Notwendigkeit: Warum wir Resonanz brauchen
Aus Sicht der Entwicklungsgeschichte ist diese Resonanz – und damit das System der Spiegelneuronen – überlebenswichtig.
Der Mensch ist als soziales Wesen darauf angewiesen, die Absichten seiner Artgenossen blitzschnell zu entschlüsseln.
Hätten unsere Vorfahren erst logisch und vor allem gründlichst darüber nachdenken müssen, ob der panische Gesichtsausdruck eines Stammesmitglieds auf Gefahr hindeutet, wären sie längst gefressen worden, bevor der Denkprozess abgeschlossen gewesen wäre.
Die Fähigkeit zur Resonanz ermöglicht uns ein „Verstehen von innen heraus“: Statt das Verhalten des anderen mühsam mit dem Verstand zu analysieren, simuliert das Gehirn dessen Zustand durch die Spiegelneuronen unmittelbar und spart so wertvolle Sekundenbruchteile.
Zudem bildet diese direkte Verbindung das Fundament für das gemeinsame Lernen durch Nachahmung: Ohne sie wäre die Weitergabe von Wissen, Handwerk, Sprache und sozialen Regeln über Generationen hinweg kaum vorstellbar.
Doch wie genau organisiert unser Gehirn diese evolutionäre Meisterleistung im Kopf?
Das biologische Netzwerk: Wo und wie gespiegelt wird
Beim Menschen sitzen die dafür verantwortlichen spiegelnden Netzwerke in den Bereichen der Großhirnrinde (Kortex), die für unsere Bewegungen, Wahrnehmung und Gefühle zuständig sind.
Es handelt sich dabei nicht um eine isolierte Gruppe von „Superzellen“, sondern um ein weitverzweigtes neuronales System aus miteinander verknüpften Nervenzellen.
Das Besondere an dieser Struktur ist ihre Doppelfunktion: Dieselben Nervenzellen, die aktiv werden, wenn wir selbst eine präzise Bewegung ausführen oder eine Emotion durchleben, feuern auch beim bloßen Beobachten dieser Handlung bei jemand anderem.
Dieses Netzwerk verbindet somit die reine visuelle Information direkt mit unserem motorischen und emotionalen Gedächtnis.
Wie blitzschnell dieses System anspringt, haben wir erst vor Kurzem wieder auf dem eigenen Sofa in unserem Saarbrücker Wohnzimmer erlebt: Mitten im Krimi bekam eine Figur völlig unvermittelt ein Messer in den Bauch gerammt – und im selben Sekundenbruchteil zog sich unser eigener Bauch unwillkürlich zusammen.
Ein echter, physischer Reflex. Noch bevor unser Verstand überhaupt schalten und uns beruhigen konnte, dass da vorne nur Pixel flimmern, hatte unser Gehirn den Impuls längst eins zu eins simuliert.
Diese Spiegelung übersetzt das Gesehene ungefiltert in eine eigene, körperliche Reaktion – eine sogenannte somatische Resonanz. [3] In diesem Moment waren wir keine distanzierten Zuschauer mehr, wir erlebten uns eingebunden in ein direktes, physisches Miterleben.
Ein Effekt, den Filmschaffende über alle Genres hinweg natürlich ganz gezielt nutzen – ob im Thriller für den plötzlichen Schock oder im Drama, wenn uns beim emotionalen Miterleben der Schicksale auf dem Bildschirm die Tränen kullern.
Exkurs: Fühlen Frauen intensiver mit als Männer?
Wenn wir über Empathie sprechen, drängt sich schnell die Frage auf: Fühlen Frauen eigentlich intensiver mit als Männer?
In neurowissenschaftlichen Studien zeigt sich hierzu ein spannendes, differenziertes Bild.
In der Forschung zeigt sich oft, dass die spiegelnden Netzwerke im Gehirn von Frauen bei emotionalen Reizen – wie einem traurigen oder depressiv dreinblickenden Gesicht – tendenziell einen Tick schneller oder großflächiger anspringen. [4, 5]
Die Neurowissenschaft geht heute jedoch davon aus, dass dies weniger eine starre biologische Programmierung ist, sondern vielmehr das Ergebnis unserer Sozialisation.
Frauen werden gesellschaftlich oft dazu ermutigt, feiner auf emotionale Zwischentöne zu achten, während Männer häufiger lernen, diese Impulse rationaler zu verarbeiten oder zu regulieren.
Am Ende ist das biologische Fundament – unser wunderbares System der Spiegelneuronen – bei allen Geschlechtern absolut gleich stark ausgeprägt.
Wie intensiv wir die Resonanz letztlich spüren, bleibt dagegen eine ganz individuelle Facette unserer Persönlichkeit und Lebensgeschichte – ungeachtet der Geschlechtsbezeichnung.
Mehr zu diesem vieldiskutierten Thema findest Du in unserem Blogbeitrag: „Haben Frauen mehr Gefühle als Männer? Die Psychologie der Unterschiede“
Kopf und Bauch: Die zwei Seiten des Mitgefühls
Unsere unmittelbare Resonanz beim Filmgucken auf dem Sofa ist jedoch nur die eine Seite der Medaille. Biologisch betrachtet nutzt unser Gehirn für das Mitgefühl zwei völlig unterschiedliche Mechanismen:
- Der Bauch-Mechanismus (Das emotionale Mitfühlen): Er startet direkt bei den Spiegelneuronen. Sie wirken wie eine eingebaute Kamera, die das Verhalten und den Schmerz des anderen unbewusst einfängt. Erst wenn diese Daten blitzschnell an unsere Gefühlszentren weitergeleitet werden, fühlen wir den Schmerz des anderen am eigenen Leib.
- Der Kopf-Mechanismus (Das gedankliche Verstehen): Hierbei handelt es sich um eine rein intellektuelle Leistung der Großhirnrinde. Wir versetzen uns logisch in die Lage des anderen und rekonstruieren im Kopf, was in ihm vorgehen müsste – allerdings ohne es selbst im Körper zu spüren.
Durchschauen ohne Mitfühlen: Das Gehirn im Manipulations-Modus
Wer andere Menschen geschickt manipulieren kann, agiert oft aus der kühlen Distanz des Kopf-Mechanismus heraus: Solche Zeitgenossen erkennen sehr genau, wie das Gegenüber tickt und wo dessen Schwachstellen liegen.
Die emotionale Rückmeldung aus dem Bauch geht dabei allerdings verloren: Sie beobachten und analysieren den anderen zwar präzise, lassen das Gefühl aber nicht an sich heran.
Ohne den Schmerz des anderen selbst zu spüren, greift auch die innere Hemmschwelle nicht. Das Gegenüber wird in diesem Moment zum bloßen Mittel zum Zweck, und sie nutzen die Situation aus, ohne dass das schlechte Gewissen dazwischenfunkt.
Dieses Ungleichgewicht zeigt, warum die Spiegelneuronen für unser Zusammenleben so entscheidend sind: Sie sorgen dafür, dass Menschen für uns keine bloßen Logikrätsel bleiben, die wir kalt berechnen. Erst ihr Signal verwandelt theoretisches Wissen in echtes, fühlbares Mitgefühl.
Der blitzschnelle Umweg über den Körper
Das Ganze funktioniert über einen faszinierenden Umweg über den eigenen Körper: Die Spiegelneuronen sind nämlich nicht selbst für die Gefühle zuständig. Sie sind vielmehr eine Art biologischer Kopierer.
Wenn wir jemanden leiden sehen, kopieren sie blitzschnell dessen Gesichtsausdruck und Körperhaltung in unser eigenes Gehirn.
Von dort aus wird ein Signal an unser Nervensystem gefeuert – und wir erzeugen eine minimale, körperliche Kopie dieses Schmerzes. Uns zieht sich kurz der Magen zusammen oder der Puls verändert sich.
Erst wenn unser Gefühlszentrum diese körperliche Reaktion registriert, entsteht das eigentliche Gefühl: Wir leiden mit.
Ohne diesen körperlichen Widerhall wären wir wie Roboter.
Wir könnten zwar am Gesicht des anderen ablesen, dass er in Trauer ist, und logisch schlussfolgern: „Jetzt wäre Trost fällig.“ Aber wir würden dabei absolut gar nichts fühlen.
Es wäre ein rein mechanisches Abspulen von Verhaltensregeln.
Wenn das System variiert: Das Autismus-Spektrum und Hochsensibilität
Nicht bei jedem Menschen ist diese „Spiegelaktivität“ gleich stark eingestellt.
Das neuronale Netzwerk arbeitet auf einem breiten Spektrum: Bei neurodivergenten Menschen – deren Gehirne Reize und Gefühle auf eine ganz eigene, spezielle Weise verarbeiten – bringt das im Alltag völlig verschiedene Herausforderungen mit sich:
Das Autismus-Spektrum: Kognitive Kompensation statt automatischer Resonanz
In der Forschung wurde lange vermutet, dass das Spiegelneuronensystem bei Autismus defekt sei (die sogenannte Broken-Mirror-Hypothese).
Heute ist die Wissenschaft weiter: Das System ist intakt, aber die Weiterleitung der Signale im Gehirn läuft anders ab. [6] Im klassischen Fall übersetzen Spiegelneuronen die Mimik eines Gegenübers in Millisekunden und senden das Ergebnis vollautomatisch an das Gefühlszentrum.
Im Autismusspektrum entsteht diese Brücke zu neurotypischen Signalen jedoch meist nicht automatisch: Die intuitive Resonanz bleibt oft im Hintergrund, weshalb das Gegenüber eher bewusst entschlüsselt werden muss.
Es fehlt hierbei keineswegs an Mitgefühl; Gefühle werden oft sogar extrem tief miterlebt.
Die Herausforderung liegt einen Schritt davor: Weil die unbewusste Spiegelung ausbleibt, weiß das Gefühlszentrum im ersten Moment schlichtweg nicht, was es gerade mitempfinden soll – so wie eine traurige Geschichte in einer Fremdsprache erst einmal keine Tränen auslöst, weil die Worte nicht entschlüsselt werden können.
Um dieses Ausbleiben der automatischen Spiegelung im Alltag auszugleichen, schaltet das Gehirn auf den logischen Verstand um: Betroffene analysieren soziale Situationen wie ein Detektiv und kopieren das erwartete Verhalten.
Dieses bewusste Übersetzen (oft als „Masking“ bezeichnet) kostet jedoch immense Kraft. Da das Gehirn permanent eine bewusste Rechenleistung für Prozesse erbringen muss, die bei anderen unbemerkt im Hintergrund laufen, führt dieser Dauerbetrieb oft zu einer tiefen mentalen Erschöpfung – dem sogenannten autistischen Burnout.
Hochsensibilität: Das System ohne Reizfilter
Am entgegengesetzten Ende stehen Menschen mit einer extremen Ausprägung dieser Resonanzfähigkeit, die umgangssprachlich oft als „Hochsensible“ bezeichnet werden.
Neurobiologisch liegt dem oft eine Besonderheit im Thalamus zugrunde – dem „Tor zum Bewusstsein“ –, der einströmende Reize von Grund auf deutlich schwächer filtert.
Die Spiegelneuronen laufen hier gewissermaßen auf Hochtouren, da sie mit einer Flut an ungefilterten Sinnes- und Gefühlseindrücken gespeist werden. Das Gehirn wirkt wie ein akustischer Verstärker ohne Lautstärkeregler.
Werden diese Menschen permanent mit den ungefilterten Emotionen, unausgesprochenen Konflikten oder der reinen Hektik ihrer Umgebung konfrontiert, führt das rasch zu einer sensorischen und emotionalen Überreizung („Overload“).
Jede fremde Emotion schwappt so intensiv auf sie über, dass die Grenze zwischen dem eigenen Ich und den Gefühlen der anderen verschwimmt – sie spüren den Stress des Gegenübers physisch im eigenen Körper.
Der Alltag wird so zu einem emotionalen Dauerspagat: Einerseits ermöglicht die feine Sensorik tiefste Empathie und Verbundenheit, andererseits erfordert sie eine rigorose Psychohygiene und die dringende Notwendigkeit, sich durch Rückzug aktiv vor der emotionalen Überflutung zu schützen.
Individuelle Wege für natürliche Varianten
Ob das System nun permanent kognitiv übersetzen muss oder ungefiltert mitschwingt – beide Wege durch den Alltag kosten enorm viel Kraft.
Aus Sicht der Neurodiversität – also der Idee, dass menschliche Gehirne von Natur aus verschieden ticken – sind diese Unterschiede keine Defekte.
Sie sind völlig natürliche Varianten des menschlichen Seins, für die es gilt, individuelle Wege im Umgang damit zu finden und natürlich auch schützende Grenzen zu setzen.
Der Einfluss früher Beziehungserfahrungen
Wie sensibel unsere Spiegelungssysteme im Laufe des Lebens auf jede Emotion reagieren, ist kein reines Produkt der Genetik; diese Fähigkeit wird maßgeblich durch unsere frühe Kindheit geprägt.
Das Gehirn eines Neugeborenen lernt sich selbst und jede eigene Emotion erst durch die Reaktion der Bezugspersonen kennen. Wenn ein Säugling schreit und die Mutter mit einem besorgten, beruhigenden Gesichtsausdruck reagiert, spiegelt sie dem Kind seine innere Emotion. Das Kind lernt dadurch: „Das, was ich fühle, ist real.“
Wächst ein Mensch jedoch in einem instabilen, bedrohlichen oder unberechenbaren Umfeld auf, passt sich das Nervensystem an diese Bedingungen an.
Wer als Kind die Antennen permanent ausfahren musste, um die kleinste Nuance von Gereiztheit oder Aggression – also jede bedrohliche Emotion – bei den Eltern vorab zu erspüren, dessen Spiegelneuronen werden auf ein chronisches Alarmniveau programmiert.
Im Erwachsenenalter führt dies dazu, dass das System auch in völlig sicheren Situationen extrem wachsam bleibt. Eine kurze, sachliche E-Mail des Vorgesetzten oder ein abgelenkter Blick des Partners wird dann sofort als Bedrohung oder nahende Zurückweisung interpretiert.
Emotionsfokussiertes Arbeiten in der Psychotherapie
In verschiedenen modernen Therapieverfahren steht das emotionsfokussierte Arbeiten heute ganz bewusst im Mittelpunkt.
Spiegelneuronen dienen dabei als biologischer Kompass – allerdings nicht als unfehlbares Messgerät, sondern als feinfühliger, subjektiver Indikator.
Sie unterstützen Therapeuten dabei, die Affekte ihres Gegenübers mitzufühlen und so – möglicherweise – einen direkten Zugang zu tiefer liegenden inneren Prozessen zu finden.
Der Grund für diesen Fokus auf das Gefühl: Emotionen lassen sich selten rein rational verändern. Das Gehirn benötigt eine neue, spürbare Erfahrung, um alte Muster zu überschreiben.
Eine verdrängte Emotion verändert sich meist erst dann, wenn eine neue, transformierende Emotion an ihre Stelle tritt – etwa wenn aus lähmender Scham eine gesunde, schützende Wut wird.
Genau diesen oft intensiven und dynamischen Prozess begleitet das therapeutische Spiegeln – auch in unserer Praxis in Saarbrücken.
Die Pioniere des emotionsfokussierten Arbeitens: Drei Originale im Spiegel der Neurowissenschaft
Was die moderne Hirnforschung heute neurobiologisch untermauern kann, ist für einige große Klassiker unter den psychotherapeutischen Verfahren seit Jahrzehnten gelebte Praxis.
Sie sind die eigentlichen Originale des emotionsfokussierten Arbeitens. Lange bevor man Spiegelneuronen überhaupt benennen konnte, haben diese Ansätze die emotionale Resonanz bereits als einen der stärksten Hebel für Veränderung genutzt – jeder auf seine ganz eigene, wegweisende Art:
1. Die Gesprächstherapie nach Carl Rogers: Der Spiegel der Akzeptanz
Den Grundstein für dieses intuitive Arbeiten legte Carl Rogers mit seiner Gesprächstherapie. Er erkannte als einer der Ersten, dass Veränderung dann möglich wird, wenn der Klient Empathie, unbedingte Wertschätzung und Echtheit erfährt.
Aus heutiger neurowissenschaftlicher Sicht bedeutet das: Über das Spiegelneuronensystem registriert der Therapeut die nonverbalen Signale des Klienten und tritt in eine spürbare emotionale Resonanz.
Indem er versucht, diese oft noch diffusen Gefühle des Klienten präzise in Worte zu fassen und wertfrei an ihn zurückzuspiegeln, sieht der Klient seine eigenen Emotionen wie in einem äußeren Monitor.
Wenn das Gegenüber eine Emotion präzise spiegelt, ist dieses tiefe Verstandenwerden wie eine Einladung an das Nervensystem, auf Sicherheit umzuschalten.
Im Idealfall erlaubt dies dem Körper, den chronischen Schutzmodus zu lockern, was die Annäherung an tiefere, angestaute Gefühle im therapeutischen Prozess unterstützen kann.
2. Gestalttherapie: Das emotionale Erleben im Hier und Jetzt
Während bei Rogers das therapeutische Gespräch im Vordergrund steht, setzt die Gestalttherapie nach Fritz Perls auf das Erleben im Moment. Ein Thema wird hier nicht rein im Dialog reflektiert, sondern soll über praktische Übungen direkt in den Raum geholt werden.
Über das neuronale System der Spiegelung können dabei feine Widersprüche im Raum wahrnehmbar werden – etwa wenn Worte und Körpersprache nicht zusammenpassen. Anstatt dieses Resonanzgefühl ungenutzt zu lassen, kann es als Impuls dienen, um das reine Reden zu durchbrechen und die Achtsamkeit auf den eigenen Körper zu lenken.
Auf diesen gestalttherapeutischen Ansätzen baut die moderne Emotionsfokussierte Therapie (EFT) in mancher Hinsicht auf. Sie hat das direkte Erleben wissenschaftlich untermauert [7] und nutzt diese bewährten Gestalt-Werkzeuge im therapeutischen Prozess:
- Der inneren Dialog: Der Klient identifiziert sich im Wechsel mit zwei gegensätzlichen Anteilen seiner Persönlichkeit (z. B. dem inneren Kritiker und dem verletzten Anteil). Dadurch wird das oft unbewusste Ringen im Kopf in ein direktes Gespräch überführt, das darauf ausgerichtet ist, darunterliegende, gegensätzliche Emotionen wie Angst, Wut oder Scham spürbar und voneinander trennbar werden zu lassen.
- Die Stuhlarbeit (Zwei-Stühle-Technik): Als unterstützende Methode werden diese inneren Anteile oder auch abwesende Bezugspersonen auf leeren Stühlen im Raum platziert. Durch den bewussten Wechsel der Sitzpositionen wird der Perspektivenwechsel körperlich vollzogen, was den Fokus auf das emotionale Miterleben lenkt und den Raum für den Ausdruck blockierter Gefühle gegenüber anderen Menschen oder sich selbst öffnet.
- Die Arbeit mit dem Körper als Wegweiser: Da jede Emotion eine körperliche Entsprechung hat, werden Signale wie ein flacher Atem oder eine feste Anspannung durch gelenkte Achtsamkeit ins Bewusstsein geholt. Der Körper dient hier als Ansatzpunkt, das dahinterliegende, oft noch namenlose Gefühl zu erkunden und körperlich auszudrücken.
Eines der gemeinsamen Ziele dieser Ansätze – sowohl der Gestalttherapie als auch der Emotionsfokussierte Therapie EFT – ist die Einladung, abgeschnittene Gefühle wieder ins Bewusstsein zu holen, um die innere Beweglichkeit und ein stimmigeres Reagieren im Alltag zu unterstützen.
3. Die Arbeit mit dem Inneren Kind: Emotionale Nachbeelterung
Die Arbeit mit dem Inneren Kind ist ein umfassender therapeutischer Ansatz, der viele Facetten wie das Erkennen von Glaubenssätzen oder die Integration verletzter Anteile beinhaltet.
Der hier beschriebene Prozess der Nachbeelterung ist ein Teilbereich davon:
Führt dieser Weg in den Körper zu Mustern, die tief in der eigenen Biografie verwurzelt sind, schlägt die Arbeit mit dem Inneren Kind die Brücke zur Vergangenheit. Automatische Gefühlsmuster im Erwachsenenalter – wie plötzliche, rational nicht erklärbare Verlustangst – beruhen oft auf ungelösten Verletzungen aus der Kindheit.
Da Logik allein bei diesen tief sitzenden Prägungen kaum hilft, kommt das Prinzip der Co-Regulation ins Spiel: Über das System der Spiegelneuronen registriert der Klient die Stabilität seines Gegenübers. Hierbei kann er das (im günstigen Fall) stabilere Nervensystem des Therapeuten – wenn es sich für ihn stimmig anfühlt – wie ein temporäres Geländer nutzen, um sich im eigenen Tempo selbst zu beruhigen.
Im Prozess dieser gedanklichen Nachbeelterung (Reparenting) geht es natürlich nicht darum, dass der Therapeut die Rolle echter Eltern übernimmt.
Vielmehr erlebt das Gehirn durch das einfühlende, professionelle Gegenüber eine neue, korrigierende Erfahrung im Hier und Jetzt.
Das übergeordnete Ziel des Reparenting im Zuge der gesamten Inneren Kindarbeit ist somit die Einladung, damals verpasste emotionale Sicherheit nachträglich erfahrbar zu machen, um die Entwicklung eines selbstfürsorglichen Erwachsenen-Ichs im Alltag zu unterstützen.
Fazit: Verbunden durch Resonanz
Die Entdeckung der Spiegelneuronen zeigt uns eindrücklich, dass kein Mensch eine Insel ist – auch, und vor allem nicht, im psychologischen Sinne.
Unser Gehirn ist von Natur aus darauf ausgerichtet, in Resonanz mit anderen zu gehen.
Wir stehen in einem permanenten, unbewussten Austausch mit unserer Umwelt, der weit über das gesprochene Wort hinausreicht.
Am Ende bestimmen die Qualität dieser Begegnungen und die Fähigkeit, Emotionen im Hier und Jetzt sicher zu verarbeiten, maßgeblich unser psychisches Wohlbefinden.
Herzlich, Niritya & Tom
Heilpraktiker für Psychotherapie, Saarbrücken
Quellenverzeichnis / Wissenschaftliche Studien
- [1] Platek, S. M., Critton, S. R., Myers, T. E., & Gallup, G. G. (2003): Contagious yawning: the role of self-awareness and mental state attribution. Veröffentlicht in Cognitive Brain Research. Verfügbar unter PubMed / NCBI
- [2] Rizzolatti, G., Fadiga, L., Gallese, V., & Fogassi, L. (1996): Premotor cortex and the recognition of motor actions. Veröffentlicht in Cognitive Brain Research. Verfügbar unter PubMed / NCBI
- [3] Platek, S. M. (2010): Yawn, yawn, yawn, yawn; yawn, yawn, yawn! The social, evolutionary and neuroscientific facets of contagious yawning. Veröffentlicht in Frontiers of Neurology and Neuroscience. Verfügbar unter PubMed / NCBI
- [4] Cheng, Y., et al. (2008): Gender Differences in the Mu Rhythm of the Human Mirror-Neuron System. Veröffentlicht in PLOS ONE. Verfügbar unter PLOS ONE Journal
- [5] Christov-Moore, L., et al. (2014): Empathy: Gender effects in brain and behavior. Veröffentlicht in Neuroscience & Biobehavioral Reviews. Verfügbar unter PubMed Central (PMC)
- [6] Markram, K., & Markram, H. (2010): The Intense World Theory – a unifying theory of the neurobiology of autism. Veröffentlicht in Frontiers in Human Neuroscience. Verfügbar unter Frontiers Journal
- [7] Greenberg, L. S. (2015): Emotion-focused therapy: Coaching clients to work through their feelings. Herausgegeben von der American Psychological Association. Verfügbar unter Internet Archive
Hinweis:
Dieser Blogartikel ersetzt keine psychotherapeutische oder medizinische Diagnose. Wenn Du Dich über längere Zeit emotional erschöpft, innerlich leer oder dauerhaft überfordert fühlst, kann professionelle Unterstützung sinnvoll sein.
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Über die Autoren dieses Artikels:
Niritya Speicher-Wilhelm und Thomas „Tom“ Wilhelm sind beide Heilpraktiker für Psychotherapie in eigener Praxis in Saarbrücken und Mitglied im Verband freier Psychotherapeuten, Heilpraktiker für Psychotherapie und psychologischer Berater VFP e.V.
Qualifikationen:
Beide haben eine vierjährige Ausbildung in Gesprächstherapie nach Carl Rogers, Gestalttherapie nach Fritz Perls und Transpersonaler Gestalttherapie bei Dr.rer.soc. Rajan Roth und Dipl.Ing. Deva Prem Kreidler-Roth in Köln und Stuttgart absolviert und praktizieren bereits seit einigen Jahren im Bereich psychischer Belastungen und deren therapeutischer Begleitung, vor allem auch in der Arbeit mit Emotionen und deren Dynamiken.
Tom hat zudem Fortbildungen in Verhaltenstherapie und EMDR sowie eine Ausbildung in tiefenpsychologischer Hypnose, Niritya ist auch Meditationslehrerin.