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Warum „Sag doch einfach Nein“ manchmal gar nicht so einfach funktioniert

Das Konzept der erlernten Hilflosigkeit zeigt, was frühe Erfahrungen in uns auslösen können


Erlernte Hilflosigkeit als Symbolbild - ein Blogartikel von Niritya Speicher-Wilhelm und Thomas "Tom" Wilhelm, Heilpraktiker für Psychotherapie mit Praxis in Saarbrücken.
Leider kein Benjamin Blümchen: Dieser Elefant hat irgendwann zu resignieren gelernt.

Eigentlich wäre es doch ganz einfach

„Warum wehrt der sich nicht?“

Oder: „Warum macht die das mit?“

Vielleicht hast Du so einen Menschen in Deinem Umfeld? Jemanden, bei dem Du Dich schon öfter gefragt hast, warum er oder sie sich in der Beziehung oder im Job so viel gefallen lässt?

Dann hörst Du wahrscheinlich zu und denkst irgendwann: Dann sag das doch. Sag doch, dass das für Dich nicht geht. Lass Dir das nicht gefallen!

Aber der- oder diejenige tut das einfach nicht. Obwohl längst schon klar ist, dass diese Situation auf Dauer nicht gesund sein kann.

Von außen ist so etwas erst einmal schwer nachzuvollziehen. Es wäre eigentlich doch ganz einfach.

Um zu verstehen, was da passiert (beziehungsweise eben nicht passiert), macht es manchmal Sinn, ein Stück weiter zurückzuschauen.

Denn die eigentlichen Ursachen für das Verhalten, Denken und Fühlen der Betroffenen sind häufig weitaus älter als die Beziehung, um die es heute geht.


Man lernt eben auch, aufzugeben

Ein psychologisches Konzept, das bei der Erklärung eines solchen Verhaltensmusters eine Rolle spielen kann, ist die sogenannte erlernte Hilflosigkeit.

In den 1960er-Jahren beschäftigten sich die amerikanischen Psychologen Martin Seligman und sein Kollege Steven Maier mit diesem Phänomen. Seligman kam darauf – und jetzt wird es eklig – indem er Tierversuche vornahm [1].

Aus Seligmans damaligen Forschungen entstand die Theorie, dass Erfahrungen von fehlender Kontrolle und fehlenden Veränderungsmöglichkeiten unser späteres Verhalten beeinflussen können.

Die konkrete Situation mag vielleicht vorbei sein, aber etwas davon kann hängen bleiben: die Erwartung nämlich, ohnehin nicht wirklich etwas ausrichten zu können.

Bei uns Menschen kann diese Geschichte schon ziemlich früh beginnen:

Als Kinder lernen wir von unseren Eltern und anderen Bezugspersonen unter anderem, was wir selbst bewirken können. Wir erleben, ob unser Nein zählt, ob unser Widerspruch etwas verändert und ob wir Probleme selbst lösen dürfen.

Dabei müssen wir gar nicht mal von einer dramatischen Kindheit reden. Eltern nehmen Kindern Dinge ab, weil sie helfen wollen. Manche greifen früh ein oder wissen ziemlich genau, was für ihr Kind richtig ist. Und in der überwiegenden Zahl der Fälle denken sie sich sicher noch gar nicht mal was Böses dabei.

Ein Kind kann trotzdem seine Schlüsse daraus ziehen.

Wer immer wieder erlebt, dass Protest nichts verändert, wird irgendwann sparsamer damit.

Wer kaum etwas selbst entscheiden darf, hat wenig Gelegenheit herauszufinden, wie es sich anfühlt, eine eigene Entscheidung zu treffen.

Und wer ständig hört „Lass mal, ich mach das“, wird wahrscheinlich irgendwann mal tatsächlich glauben, dass andere solche Dinge besser können.

In anderen Familien geht es härter zu.

Widerspruch führt zu heftiger verbaler Abwertung, zu Liebesentzug, heftigen Konflikten oder gar zu Gewalt. Dort kann es für ein Kind dann tatsächlich sehr vernünftig sein, sich zurückzunehmen.

Das Kind ist ja abhängig von den Erwachsenen – und kann nicht einfach gehen, wenn es das Ganze nicht mehr aushält.

Fakt ist: Was damals vernünftig war, kann Jahre später als Verhaltens-, Fühl- und Denkmuster beim Erwachsenen immer noch präsent sein.

Ein Verhalten jedoch, das – so sagen Psychologen und Therapeuten – in der Kindheit funktional war, ist es im Erwachsenenalter oft nicht mehr, es wird dysfunktional.


Wenn das Kind längst erwachsen ist

Mit vierzig weiß ein Mensch rational natürlich, dass sein Partner nicht seine Mutter und seine Frau nicht sein Vater ist.

Dieses Wissen allein ändert jedoch wenig an Erfahrungen, die über Jahre in einer extrem prägenden Lebensphase gemacht wurden.

In unserer Saarbrücker Praxis haben wir es öfter mit Klient:innen zu tun, die sehr genau spüren, wenn ihnen etwas gegen den Strich geht, und trotzdem nichts sagen.

Sie nehmen ihr Anliegen zurück, sobald der Partner gereizt reagiert. Oder sagen Ja zu etwas, das sie eigentlich nicht wollen, vielleicht aus Angst vor einem Beziehungsabbruch.

Manche halten sich deshalb für konfliktscheu und harmoniebedürftig. Oder sagen einfach: „Ich bin eben so.“

Dabei lohnt sich in unseren Augen schon die Frage, wie genau dieses „so“ denn entstanden ist.

Klar: Nicht aus jedem Kind, das wenig mitentscheiden durfte, wird später ein sich hilflos fühlender Erwachsener. Selbst vergleichbar alte Geschwister entwickeln sich oft unterschiedlich.

Und wir Menschen machen ja auch später im Leben immer wieder neue Erfahrungen.

Die eigene Geschichte kann aber schon oft einen Hinweis darauf geben, warum manche unserer Reaktionen so erstaunlich hartnäckig „dysfunktional“ sind.


Kann eine gefühlte Hilflosigkeit auch noch später entstehen?

Damit kein Missverständnis entsteht: Erlernte Hilflosigkeit muss nicht in der Kindheit entstehen.

Auch im Erwachsenenalter können wir über längere Zeit die Erfahrung machen, dass unsere Versuche, etwas zu verändern, immer wieder ins Leere laufen. Irgendwann probieren wir es vielleicht gar nicht mehr. Wir haben schließlich oft genug erlebt, dass es nichts bringt [2].

Trotzdem kann es einen Unterschied machen, wann solche Erfahrungen beginnen:

Was wir schon als Kinder erleben und über Jahre wiederholen, kann sich tief in unsere Vorstellungen davon einprägen, was wir können, was wir bewirken und welchen Einfluss wir überhaupt haben [3].


„Dann sag doch einfach Nein“

Als Außenstehender ist gut sagen: „Dann setz Dich doch mal durch.“ Was dabei untergeht: Vielleicht hat dieser Mensch schon sehr früh die erwähnte Erfahrung gemacht, dass genau das nichts bringt.

In der Therapie, vor allem auch in der humanistischen Psychotherapie, kann es unter anderem darum gehen, wo ein solches Verhalten herrührt. Vielleicht war es früher ja tatsächlich mal die beste Möglichkeit, mit der konkreten damaligen Situation klarzukommen.

Nur kann einem genau das, was damals geholfen hat, heute ziemlich im Weg stehen.


Von der Hilflosigkeit zur Positiven Psychologie

Seligman, der Entwickler des Konzepts der erlernten Hilflosigkeit, beschäftigte sich später verstärkt damit, wie Menschen ihre Erfolge und Misserfolge erklären [4].

Seine Forschungen zu solchen Denkmustern, Hilflosigkeit und Depression beeinflussten auch die kognitive Verhaltenstherapie.

Es macht eben schon einen Unterschied, ob jemand nach einem Misserfolg denkt: „Schade, das hat diesmal nicht geklappt“ oder daraus schließt: „Ich kriege sowieso nix hin.“

Ende der 1990er-Jahre wurde Seligman zu einem der Begründer der Positiven Psychologie [5]. Ihn interessierte damals zunehmend, was Menschen psychisch stärkt und was ihnen hilft, ihr Leben als selbst-gestaltbar zu erleben.

Dazu gehörten für ihn tragfähige Beziehungen, die eigenen Stärken, ein Sinn im eigenen Tun – und die Erfahrung, selbst etwas bewirken zu können.


Was man neu erfahren kann

Hier kommt zum Ende noch ein weiterer Begriff ins Spiel: Selbstwirksamkeit. Gemeint ist damit das Vertrauen in sich selbst, mit dem eigenen Handeln etwas bewirken, ändern und Anforderungen bewältigen zu können.

Gutes Zureden schafft dieses Vertrauen in den seltensten Fällen, auch wenn genau das immer wieder praktiziert wird. „Du musst einfach mehr an Dich glauben“ wiegt jahrelange Erfahrung nicht auf.

In so einem Fall passt dann oft der Satz „Auch Ratschläge sind Schläge“. Einfach, weil gut gemeinte Ratschläge die Betroffenen immer wieder von Neuem auf ihre, subjektiv unlösbar empfundenen, Defizite stupsen.

Neue Erfahrungen können auch bei der erlenernten Hilflosigkeit manchmal mehr bewirken: Jemand sagt Nein und erlebt, dass die Beziehung daran nicht zerbricht. Ein Wunsch wird geäußert und gehört. Ein Problem wird selbst gelöst, das früher sofort jemand anderes übernommen hätte.

Damit verändert sich nicht auf einen Schlag alles. Aber die alte Gewissheit, ohnehin nichts ausrichten zu können, bekommt zumindest mal Konkurrenz durch eine neue, korrigierende Erfahrung.


Der Elefant am Pflock

In einem Bücherregal in unseren Saarbrücker Praxisräumen steht eines der Bücher des Gestalttherapeuten Jorge Bucay: Komm, ich erzähl dir eine Geschichte.

Auf dem Cover dieses Buches ist ein ausgewachsener Zirkuselefant zu sehen, angebunden mit einem dünnen Seil an einem kleinen, zerschlissenen Holzpflock, so ähnlich wie bei dem Elefanten auf dem Bild zu Beginn dieses Beitrags.

Bucay erzählt in seinem Buch die Geschichte dazu:

Der Elefant war als Jungtier schon angebunden. Damals versuchte er immer wieder, sich loszureißen. Er war zu klein und zu schwach. Der Pflock hielt stand – und ihn zurück.

Irgendwann versuchte er es nicht mehr.

Jahre später ist unser Elefant ausgewachsen. Seine Kraft würde jetzt ganz problemlos genügen, um den kleinen, alten Pflock aus der Erde zu ziehen.

Das Problem: Der Elefant weiß das nicht. Er hat diese Möglichkeit nie erfahren.

Seine Resignation stammt aus einer Zeit, in der er tatsächlich keine Chance hatte.

Heute ist der Elefant bei weitem nicht mehr das Tier, das damals chancenlos ausgeliefert war; seine Möglichkeiten sind heute ganz andere.

Nur seine Erfahrung – die ist noch die alte.

Herzlich Niritya & Tom


Quellenverzeichnis / Wissenschaftliche Studien

  • [1] Seligman, M. E. P., & Maier, S. F. (1967): Failure to escape traumatic shock. Veröffentlicht in Journal of Experimental Psychology, 74(1), 1–9. Verfügbar unter American Psychological Association / DOI
  • [2] Hiroto, D. S., & Seligman, M. E. P. (1975): Generality of learned helplessness in man. Veröffentlicht in Journal of Personality and Social Psychology, 31(2), 311–327. Verfügbar unter American Psychological Association / DOI
  • [3] Crandall, A. A., et al. (2024): Do positive childhood and adult experiences counter the effects of adverse childhood experiences on learned helplessness? Veröffentlicht in Frontiers in Child and Adolescent Psychiatry. Verfügbar unter PubMed / NCBI
  • [4] Abramson, L. Y., Seligman, M. E. P., & Teasdale, J. D. (1978): Learned helplessness in humans: Critique and reformulation. Veröffentlicht in Journal of Abnormal Psychology, 87(1), 49–74. Verfügbar unter PubMed / NCBI
  • [5] Seligman, M. E. P., & Csikszentmihalyi, M. (2000): Positive psychology: An introduction. Veröffentlicht in American Psychologist, 55(1), 5–14. Verfügbar unter PubMed / NCBI
  • [6] Maier, S. F., & Seligman, M. E. P. (2016): Learned helplessness at fifty: Insights from neuroscience. Veröffentlicht in Psychological Review, 123(4), 349–367. Neuere Forschungen haben Seligmans ursprüngliches Modell in einigen Punkten weiterentwickelt. Verfügbar unter PubMed / NCBI

Hinweis:

Dieser Blogartikel ersetzt keine psychotherapeutische oder medizinische Diagnose.

Wenn Du Dich über längere Zeit emotional erschöpft, innerlich leer oder dauerhaft überfordert fühlst, kann professionelle Unterstützung sinnvoll sein.

In akuten Krisen oder bei Suizidgedanken erhältst Du rund um die Uhr kostenlose Hilfe bei der TelefonSeelsorge unter 0800/1110111 oder 0800/1110222.


Über die Autoren:

Niritya Speicher-Wilhelm und Thomas „Tom“ Wilhelm sind Heilpraktiker für Psychotherapie in eigener Praxis in Saarbrücken und Mitglieder im Verband freier Psychotherapeuten, Heilpraktiker für Psychotherapie und psychologischer Berater VFP e.V. Beide haben eine vierjährige Ausbildung in Gesprächstherapie nach Carl Rogers, Gestalttherapie nach Fritz Perls und Transpersonaler Gestalttherapie absolviert.

Tom hat zudem Fortbildungen in Verhaltenstherapie und EMDR sowie eine Ausbildung in tiefenpsychologischer Hypnose abgeschlossen, Niritya ist zusätzlich zertifizierte Meditationslehrerin, Kursleiterin für Autogenes Training und hat eine Jahresfortbildung in systemischen Aufstellungen absolviert.

Beide arbeiten heute methodenübergreifend und integrativ.